Kischis EInwurf: Cariocas frieren, Gringos sünnelen
Aktualisiert

Kischis EInwurfCariocas frieren, Gringos sünnelen

Während Rio nur langsam in die Gänge kam, war ich heute schon früh auf den Beinen - und machte meinem Namen als Gringo alle Ehre!

von
M.Kistler
Rio de Janeiro
An der Copacabana vertreiben sich vor allem Touristen die Zeit.

An der Copacabana vertreiben sich vor allem Touristen die Zeit.

Als ich mit meinem ersten Kaffee in der Hand aus dem Fenster schaute, schien die Sonne. Mein Entschluss stand schnell fest: Strand ist angesagt! Schliesslich will ich ja auch mit einer gesunden Farbe in die Schweiz zurück - auch wenn ich jetzt schon weiss, dass mich meine Arbeitskollegen wegen des schönen Wetters in der Heimat um mindestens zehn Brauntöne übertreffen werden. Also Strandtasche packen, eincremen mit Sonnenschutzfaktor 30, Badehose anziehen, Strandstuhl mitnehmen (den haben wir gekauft, mieten kannst du sie bei den horrenden WM-Preisen nicht mehr) - und raus.

Unten beim Portier angekommen (der ist übrigens alles andere als ein «Krake Paul», seit dem Auftaktsieg der Schweiz hat er kein Resultat mehr richtig vorausgesagt), lacht dieser und schüttelt den Kopf: «Praia in dieser Kälte?» Er trug seine dicksten Jeans und eine Winterjacke! Er faselt etwas über die Kälte, und dass er seit drei Tagen nur noch friere. Da ich durch dieses Gespräch aufgehalten wurde, kam zwischenzeitlich eine weitere Bewohnerin dazu. «Aha, das muss der Gringo aus der Schweiz sein. Strand heute, dafür ist es doch viel zu kalt. Schliesslich haben wir Winter!»

Flipflops und Wintermäntel

Endlich auf der Strasse ein kurioses Bild: einerseits Menschen in Stiefeln, Winterschuhen, Jacken und sogar Mänteln, andererseits Leute in kurzen Hosen, T-Shirts und Flipflops. Die mit Winterkleidung schauen dich an, teils belustigt, teils ungläubig, teils gibts Blicke voller Mitleid - und die sehen heute anders aus als nach der Niederlage der Schweiz! Dabei zeigt das Thermometer doch bereits stolze 23 Grad an - und das um 8.45 Uhr im tiefsten Winter!

Am Strand eingetroffen, es weht ein laues Lüftchen (für Brasilianer ein eiskalter Wind), sieht man mehr Mülltonnen als Menschen. Und die, die sich auch hierher verirrt haben, sprechen Spanisch, Englisch und Französisch. Hier in diesem Sprachen- und Ländermix fühle ich mich richtig wohl, denn die meisten von ihnen haben die Sonne ebenso lange nicht mehr gesehen wie ich. Aber das Beste ist: ich hatte noch nie so viel Platz am Strand der Copacabana. Und das lässt all die mitleidigen und ungläubigen Blicke der frierenden Cariocas vergessen!

Doch eines muss auch gesagt sein: Ich war froh, dass das Meer unruhig war, die Wellen dementsprechend hoch. So hatte ich meinen Grund, um nicht im - auch für Gringos - kalten Atlantik zu baden. Denn auch wir Schweizer sind nicht kälteresistent.

Markus «Kischi» Kistler, Leiter Produktion Print bei 20 Minuten, weilt während der WM in Rio de Janeiro und bleibt in seiner zweiten Heimat mit seinen Einwürfen auch abseits des Spielgeschehens immer auf Ballhöhe.

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