Brisantes neues Mandat: Carlos-Jugendanwalt wechselt Fronten

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Brisantes neues MandatCarlos-Jugendanwalt wechselt Fronten

Hansueli Gürber war verantwortlich für das teure Sondersetting des Straftäters Carlos. Nun ist der Jugendanwalt selbst Verwaltungsrat bei einer Sondersetting-Firma.

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pwe/ram

Hansueli Gürber, der ehemalige Jugendanwalt im Fall Carlos, hat einen neuen Nebenjob, der höchst brisant ist: Seit 6. Januar ist Gürber Verwaltungsrat in der Institution Projekt Perspektive AG in Zürich, wie die «Schweiz am Sonntag» schreibt. Dies belegt ein entsprechender Eintrag im Handelsregister.

Die Firma ist auf «Krisensituationen mittels begleiteter Fremdplatzierung» spezialisiert. Auch Carlos bekam sein luxuriöses Sondersetting bei einer solchen Organisation. Und tatsächlich: Auftraggeber der Projekt Perspektive AG sind Sozialdienste, Vormundschaftsbehörden und vor allem Jugendanwaltschaften.

Gürber hätte den Nebenjob melden müssen

Die Zürcher Justiz hatte keine Ahnung, dass Gürber gleichzeitig Jugendanwalt und Verwaltungsrat bei einer Sondersetting-Firma ist - obwohl der Adliswiler den Nebenjob klar hätte melden müssen, wie Kommunikationsbeauftragter Benjamin Tommer gegenüber der Zeitung sagte: «Weil die Gefahr von Interessenkollisionen nicht von der Hand zu weisen ist, muss die vorgesetzte Behörde informiert werden.» Die Oberjugendanwaltschaft will nun laut Tommer «die Situation prüfen».

Gürber lässt sich per Ende August 2014 vorzeitig als Jugendanwalt pensionieren; er ist 63 Jahre alt. Er war im letzten Sommer in die Schlagzeilen geraten, nachdem das Schweizer Fernsehen einen Dok-Film über ihn gezeigt hatte. Im Film war auch der Jugendliche «Carlos» zu sehen, der damals im Rahmen eines Sondersettings betreut wurde. Dieses kostete rund 29'000 Franken pro Monat und umfasste unter anderem ein regelmässiges Thaibox-Training.

Wegen der Schlagzeilen entzog der Zürcher Justizdirektor Martin Graf (Grüne) Hansueli Gürber den Fall und teilte ihn einem anderen Jugendanwalt zu. Gürber war knapp dreissig Jahre lang Jugendanwalt, wie die «NZZ am Sonntag» schreibt. Seit 2007 leitete er die Jugendanwaltschaft Zürich.

Amnesty kritisiert die Schweiz

Derweilen schaltet sich auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) in die Diskussion ein und kritisiert die Zürcher Justizbehörden. Bei den von ihnen angeordneten Massnahmen stelle sich «ganz klar die Frage der Verhältnismässigkeit», sagt AI-Sprecherin Alexandra Karle dem «SonntagsBlick».

Statt ein kostengünstigeres Sondersetting zu suchen, würden die Zürcher Behörden Carlos einfach in geschlossene Einrichtungen abschieben und auf seinem Rücken eine politische Schlammschlacht austragen, kritisiert Amnesty.

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