Wie weiter?: «Carlos sollte sich unsichtbar machen»
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Wie weiter?«Carlos sollte sich unsichtbar machen»

Carlos steht ein steiniger Weg bevor. Gewaltaufrufe gegen ihn kursieren im Netz. Gleichzeitig sollte er ein geregeltes Leben meistern. So könnte er es schaffen.

von
hal/num
Kampfsport darf Carlos künftig nur noch in der Freizeit machen.

Kampfsport darf Carlos künftig nur noch in der Freizeit machen.

Kein anderer sorgte für so viele Schlagzeilen, kein anderer löste den berüchtigten Volkszorn so aus wie er: Carlos, der Jugendstraftäter mit dem Sondersetting. Jetzt wurde er per Bundesgerichtsbeschluss aus dem Massnahmenvollzug entlassen.

Nun ist er in einer einfachen Wohnung mit enger sozialpädagogischer Betreuung untergebracht. Er wird zur Schule gehen müssen, arbeiten, Thai-Boxen ist ihm nur noch in der Freizeit gestattet. Lebte er vorher anonym, ist er mittlerweile der breiten Öffentlichkeit bekannt.

Auf Facebook hat sich bereits eine Gruppe gebildet, die gegen den Jugendstraftäter schiesst – auf der Seite werden im Minutentakt Aufrufe zu Hass und Gewalt gepostet. Einer schreibt: «Absolute Frechheit, was die da machen, der geniesst das Leben und kostet 19'000 Franken im Monat, der verdammte Wi ... platt machen und tschüss!»

Rechtsextremes Gedankengut

Der Gründer der Facebook-Gruppe sagt zu 20 Minuten: «Ich will keine Hetzjagd auf Carlos provozieren. Er ist ja nicht der Einzige solche Fall. Es geht mir auch nicht um ihn, sondern ums System, das falsch ist.»

Dass auf der Seite durch einige User braunes Gedankengut verbreitet wird, versucht er zu verhindern. Er lösche im Minutentakt Kommentare. «Aber ich kann nicht verhindern, dass auch Rechtsextreme auf der Seite ihren Hass auslassen.»

Diese geballte Wut, die da Carlos online entgegenschlägt – was, wenn ihn jemand auf der Strasse erkennt? Jugendpsychologe Philipp Ramming sagt: «Es ist, wie wenn man im Bus von einem Betrunken angepöbelt wird – am besten ignorieren.» Überhaupt rät er Carlos, sich auf seine Sache zu konzentrieren und die Öffentlichkeit auszublenden. «Er sollte sich unsichtbar machen.»

«Einige fallen in ein Loch»

Diese unfreiwillige Berühmtheit könnte für den 18-Jährigen ein Problem werden. Jugendpsychologe Philipp Ramming sagt: «Der Carlos aus dem ‹Fall Carlos› unterscheidet sich nicht von Castingteilnehmern aus Reality-Shows wie dem Dschungelcamp oder dem ‹Bachelor›. Diese Leute werden von den Medien ins Rampenlicht gezerrt und danach fallengelassen, wenn ihre Flamme erloschen ist.»

Wie Carlos damit umgeht, bleibt die grosse Unbekannte. Ramming: «Mit dieser Berühmtheit haben viele Mühe, einige klammern sich daran. Andere fallen in ein Loch.» Für Carlos sei nun wichtig, im Umgang mit dieser «Öffentlichkeit» gecoacht zu werden.

Dazu gehöre auch sein Umfeld, seine Kollegen. «Das Umfeld von Carlos ist auf dem nächsten Weg enorm wichtig.» Ramming rät den Kollegen von Carlos, ihm so normal wie möglich zu begegnen. «Auch wenn sie zu Beginn wohl etwas scheu sein werden.»

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