Aktualisiert 24.07.2013 07:15

Presseschau«Carsten Schloter wird der Swisscom fehlen»

Die Schweizer Presse würdigt den verstorbenen Swisscom-Chef Carsten Schloter als Visionär, der eine grosse Lücke hinterlasse. Er sei jedoch auch ein Getriebener gewesen.

von
pbl

Das plötzliche Ableben von Swisscom-Chef Carsten Schloter sorgt für Betroffenheit. Die Schweizer Zeitungen widmen sich dem Thema mit Kommentaren und Nachrufen. Hervorgehoben wird dabei der Leistungsausweis des frankophilen Deutschen. Die «Neue Zürcher Zeitung» bringt es auf den Punkt: «Carsten Schloter wird der Swisscom fehlen.» Und die «Südostschweiz» hält fest: «Gross ist die Lücke, die er als Manager hinterlässt.»

Betont wird dabei das Visionäre, das Schloter ausgezeichnet habe. Die Politik habe der Ex-Monopolistin Swisscom einen Konkurrenzvorteil verschafft, den auch ein durchschnittlicher Manager hätte verwalten können, schreibt etwa der «Tages-Anzeiger». Man müsse Schloter hoch anrechnen, dass er sich damit nicht zufrieden gab. «Er traf Entscheidungen, deren Tragweite und visionäre Kraft man erst Jahre später erkennen konnte.»

Frühzeitig Probleme erkannt

Die «NZZ» betont, Schloter habe im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen frühzeitig die Probleme erkannt, vor denen die Telekomunternehmen weltweit durch das Aufkommen alternativer Anbieter stehen. «Rascher und entschiedener als viele Unternehmen in Europa reagierte die Swisscom unter ihm auf rasant zunehmende Datenmengen und das wachsende Bedürfnis nach mobiler Kommunikation», schreibt die «Basler Zeitung».

Eine der grossen Herausforderungen der Ära Schloter sei der Wandel des klassischen Telekomgeschäfts mit der Abrechnung nach Einheiten hin zu Pauschal- und Gratisangeboten gewesen, hebt das «St. Galler Tagblatt» hervor: «Der Visionär Schloter reagierte mit der Umkrempelung von Tarifstrukturen im Mobilfunk und trieb den Einstieg in neue Geschäftsfelder wie etwa in der Informatik oder ins TV-Geschäft voran.»

Schloter werde den Anlegern als der Mann in Erinnerung bleiben, der dem Konzern selbst dann half, profitabel zu bleiben, als die Mobilfunkpreise fielen, meint die «Aargauer Zeitung».

Ganz spurlos werde sein Wegfall an der Swisscom nicht vorbeigehen, schreibt das Blatt mit Verweis auf Branchenkenner. «Schliesslich sei Schloter als Visionär für das Unternehmen extrem wichtig gewesen. Nicht zuletzt deshalb, weil der Verwaltungsrat wenig Ahnung habe von der Industrie.»

«Es bleiben viele Fragen offen»

Mit Mutmassungen über die Gründe für seinen Suizid halten sich die Zeitungen überwiegend zurück. «Es bleiben viele Fragen offen», meint etwa die «BaZ» nur. Mehrfach wird auf ein Interview vom Mai mit der «Schweiz am Sonntag» verwiesen, in dem Carsten Schloter zugab, er habe immer grössere Schwierigkeiten, zur Ruhe zu kommen, das Tempo herunterzunehmen: «Es kommt irgendwann ein Punkt, wo Sie das Gefühl bekommen, nur noch von einer Verpflichtung zur nächsten zu rennen. Das schnürt Ihnen die Kehle zu.»

In letzter Zeit habe man zunehmend auch «die weicheren und selbstkritischeren Seiten» des Swisscom-Chefs kennengelernt, so die «NZZ». «Schloter war erfolgreich in dieser Welt, weil er ein Getriebener war», heisst es in der «Südostschweiz». Zugleich habe er in der «Welt der Starken» Mut gezeigt, auch einmal Schwäche zuzulassen. Die Schweiz habe «nicht nur einen erfolgreichen Manager verloren, sondern auch eine verletzliche Persönlichkeit».

War er depressiv?

Diverse Zeitungen lassen Fachleute zu Wort kommen. «Es ist sehr wahrscheinlich, dass Carsten Schloter depressiv war», meint der Psychiater Sebastian Haas im Interview mit dem «Blick». Es sei die Tragik vieler Topmanager, «dass sie psychische Probleme als Führungsschwäche und auch als menschliche Schwäche interpretieren». Gefährlich werde es, wenn das Unternehmen und die Person verschmelzen, erläutert der Psychologe Psychologe Gregor Harbauer vom Kriseninterventionszentrum Winterthur gegenüber «20 Minuten»: «Läuft etwas schief in der Firma, kommt man auch mit sich selbst nicht mehr klar.»

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