«Margairaz hat recht»: CC spielt Margairaz-Attacke herunter

Aktualisiert

«Margairaz hat recht»CC spielt Margairaz-Attacke herunter

Tiefer kann ein Klub nicht sinken. Bei Sion geht der Präsident auf die Spieler los und Spieler wollen dem Boss an den Kragen. Doch Christian Constantin verteidigt Xavier Margairaz.

von
Eva Tedesco

Gelson Fernandes stellte sich als einziger Sion-Spieler den Journalisten, aber auch dem erfahrenen Schweizer Internationalen fehlten die passenden Worte. (Video: 20 Minuten). Margairaz' Attacke auf CC unten.

Wenn es um CC und den FC Sion geht, wähnt man sich oft im falschen Film. Am Donnerstagabend hat das Theater im Tourbillon aber Ausmasse angenommen, die bald jeder Beschreibung spotten. Spieler Marques bricht nach der 0:4-Pleite gegen GC in Tränen aus, kann kaum beruhigt werden. Gelson Fernandes findet gegenüber den Journalisten kaum noch Worte und Routinier Xavier Margairaz will seinem Boss an die Gurgel gehen.

Schon während des Spiels soll Margairaz CC beschimpft haben und den Sion-Präsidenten als «Scheisstyp» bezeichnet haben. Nach dem Schlusspfiff tickt der Mittelfeldspieler plötzlich komplett aus, stürmt auf die Tribüne, und deckt CC mit unflätigen Worten ein, die einem Pariser Taxifahrer noch zur Ehre gereicht hätten.

Margairaz will bei Sion hinschmeissen

Margairaz, grundsätzlich kein Kerl, der in der Vergangenheit für ein latentes Aggressionspotenzial bekannt gewesen wäre, war kaum zu bremsen. Im letzten Moment bekommt ihn Assistenztrainer Christophe Moulin zu fassen und zerrt Margairaz von Constantin weg. Dabei soll der ehemalige Internationale, so Ohrenzeugen, CC weiter angeschrien haben. «Du machst alles kaputt. Schau dir genau an, was du angerichtet hast», soll Margairaz getobt haben.

Das geschah unter Applaus und zur Freude der Fans. Die hatten sich schon während der Partie von CC abgewendet und hielten ein Transparent hoch, auf dem stand: «Du glaubst, dass du unantastbar bist, aber du bist verrückt.» Und auf einem anderen: «Genug ist genug.»

Selbst im Kabinengang war Margairaz nicht zu beruhigen. Der Mittelfeldspieler duschte schneller, als die Tropfen aus dem Duschkopf zu Boden fielen, zog sich hurtig an und rauschte immer noch schimpfend Richtung Ausgang. «Jetzt ist fertig, ich habe genug», fluchte Margairaz auf dem Weg aus dem Stadion. «Ich rufe am Freitag Constantin an und sage ihm das.» Und dann war er weg.

CC: «Margairaz hat recht»

Und CC? Der Sion-Boss war während der gesamten Aktion überraschend ruhig geblieben, konnte kaum fassen, was da geschah. Auch als er nach dem Vorfall im Kabinengang auftauchte, machte er er einen gefassten Eindruck. Aber der Boss war alles andere als gefasst, er war geschockt, wie später zu hören war. Noch bis tief in die Nacht besprach er sich mit Sportchef Degennaro. Mit welchem Ergebnis ist (noch) nicht bekannt. Nur so viel: Die Schuld sucht Constantin nicht bei sich.

Wie «Le Matin» erfahren hat, habe CC schon in der Nacht noch mit Margairaz telefoniert. «Er sagte mir, dass es ihn sehr ärgert, so abgefertigt zu werden. Er ist ein Siegertyp, er hat recht.» Auch die Attacke auf ihn wollte der Sion-Boss herunterspielen: «Die Spieler werden etwas nervös. Kämpfertypen wie Margairaz können dann so reagieren.» Er habe es lieber, wenn die Leute ihm direkt ins Gesicht sagen, was sie denken. So wie Margairaz das getan habe.

Ausgerechnet Decastel

Am Montag, nach dem der 0:5-Demütigung in St. Gallen, hat CC mit dem Stahlbesen aufgeräumt. Verärgert über die miesen Leistungen hat der «Sion-Diktator» Spielertrainer Gennaro Gattuso zum einfachen Spieler degradiert, den gesamten Trainerstaff entlassen und sechs Profis suspendiert. Am Donnerstag sagte er dem «Nouvelliste», er werde den Spielern die Löhne nicht überweisen, bis die Leistungen oder Resultate besser würden. Zudem installierte er mit Michel Decastel einen neuen Trainer - den sechsten in der laufenden Saison. Und zum dritten Mal Decastel. Ausgerechnet.

Denn Decastel wurde für einmal nicht nur vom Totomat entlassen, sondern auch von der Mannschaft. Als er am 30. Oktober 2012 nach nur 57 Tagen freigestellt wurde, galt Gattuso als Triebfeder und soll eine Abstimmung unter den Spielern initiiert haben, die sich dann mit einer deutlichen Mehrheit gegen Decastel ausgesprochen haben sollen. Ein Spieler, der verständlicherweise nicht genannt werden will, sagt: «Von den gefühlt 15 Trainern, die entlassen worden sind, wären alle besser gewesen.»

Gattuso nur auf der Tribüne

Gattuso hüllte sich am Donnerstag in Schweigen. Der italienische Weltmeister, offiziell verletzt (ob im Stolz oder anderswo sei dahingestellt), sass auf der Tribüne und sah sich das inferiore Treiben von seinem roten Kunstledersitz auf der Tribüne aus an. Hie und da schüttelte er den Kopf, verdrehte nach dem 0:1 und 0:2 die Augen und soll zwischendurch einen wenig netten Satz an die Adresse von CC geflüstert haben. Auch der ehemalige Milan-Star soll das Heu nicht mehr auf der gleichen Bühne mit dem Sion-Boss haben.

Im Gegensatz zu seinen Mitspielern, die geschlossen hinter dem Italiener stehen. Wie übrigens auch die Fans. «Für unsere Farben hast du deine Seele gegeben, aber diese Gesellschaft hat dich nicht verdient. Ehrenvoller Rino!» Ob die Sion-Fans Gattuso in den Farben der Sittener überhaupt noch spielen sehen werden, ist nicht gewiss.

Ein Psychologe wird nicht reichen

Als Trainer sicher nicht. Statt Rossini und Gattuso musste sich am Donnerstag Decastel nach dem 0:4 den Medien stellen. Der wusste nach dem Spiel kaum, wie ihm nach seinem ersten Spiel in seiner dritten Amtszeit beim FC Sion als Trainer der Sittener geschah. «Die Mannschaft ist krank», so Decastel an der Medienkonferenz einsilbig, «aber das sieht man ja. Wir können nur weiterarbeiten, aber derzeit ist eher ein Psychologe gefragt als ein Trainer.»

Ein Psychologe allein kann das Irrenhaus «FC Sion» wohl kaum bewältigen. Die Walliser sind am absoluten Tiefpunkt angelangt und CC treibt sein «Spielzeug» langsam aber sicher in den Abgrund. Der Lächerlichkeit hat er den Verein längst preisgegeben. Denn abgesehen davon, dass die Spieler die Faust im Sack machen, wenn einer nicht gerade auf der Tribüne auf den Boss losgeht, haben sich auch die Fans gegen die Politik Constantins gewendet und, noch viel schlimmer, auch die Sponsoren und Unternehmen in der Region.

Margairaz' Attacke auf Christian Constantin. (Quelle: SRF)

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