Publiziert

Von Disney entworfenCelebration – die Stadt, in der die Bewohner wenig zu feiern hatten

Sie sollte perfekt sein, doch die von der Disney Company errichtete Planstadt Celebration erzürnte schon im ersten Jahr die Gemüter ihrer Bewohner. Viele zogen direkt wieder weg.

von
Fee Anabelle Riebeling
1 / 22
Micky und Minnie Maus findet man auf den Strassen der US-Kleinstadt Celebration nicht. Trotzdem könnte man während eines Besuchs meinen,  in einem der Disney-Parks zu sein. 

Micky und Minnie Maus findet man auf den Strassen der US-Kleinstadt Celebration nicht. Trotzdem könnte man während eines Besuchs meinen, in einem der Disney-Parks zu sein.

NurPhoto via Getty Images
Der Eindruck kommt nicht von ungefähr. Denn tatsächlich handelt es sich bei der Kleinstadt um einen Entwurf von Mitarbeitern des Disney-Konzerns. (Im Bild: Walt Disney)

Der Eindruck kommt nicht von ungefähr. Denn tatsächlich handelt es sich bei der Kleinstadt um einen Entwurf von Mitarbeitern des Disney-Konzerns. (Im Bild: Walt Disney)

The LIFE Picture Collection via Getty Images
Errichtet wurde Celebration (rot) in Florida, wo der Konzern unter anderem das Walt Disney World Resort (blau), Epcot (gelb), das Animal Kingdom (lila), Disney’s Hollywood Studios (grün) und das Magic Kingdom (anthrazit) betreibt. 

Errichtet wurde Celebration (rot) in Florida, wo der Konzern unter anderem das Walt Disney World Resort (blau), Epcot (gelb), das Animal Kingdom (lila), Disney’s Hollywood Studios (grün) und das Magic Kingdom (anthrazit) betreibt.

Darum gehts

  • Der Disney-Konzern hat nicht nur Freizeitparks, sondern mit Celebration auch eine Stadt gebaut.

  • Die im Jahr 1996 bezogene Gemeinde liegt im US-Bundesstaat Florida.

  • So traumhaft wie versprochen war es dort aber nicht.

Leben wie in einem Disney-Film? Im Glauben daran, genau dies tun zu können, verlegten ab Mitte der 1990er-Jahre viele Amerikaner ihren Wohnsitz nach Celebration. Die im Osceola County im US-Bundesstaat Florida, auf durch Tricks äusserst günstig erworbenem Disney-Grund gelegene Kleinstadt, war von der Disney Company entworfen worden und versprach «die perfekte Kleinstadt» zu sein, «nach der Ihre Seele gesucht hat». So – und in anderen verheissungsvollen Worten – stand es zumindest auf den Plakatwänden.

Die Disney-Idylle liess sich das Unternehmen etwas kosten: 1996 lag der Preis für ein Haus in Celebration 30 Prozent über dem regionalen Durchschnitt. Trotzdem überstieg die Nachfrage das Angebot der verfügbaren Häuser zu Beginn deutlich: Auf die ersten 350 Immobilien bewarben sich um die 5000 Personen. Die Stadtverantwortlichen vom Disney-Konzern reagierten prompt und veranstalteten eine Lotterie, die darauf ausgelegt war, von den Medien begleitet zu werden: «Es war eine Stimmung wie auf einem Volksfest: Eine Brassband spielte, Hot Dogs wurden gereicht und Luftballons an die Kinder verteilt», zitiert Spiegel.de Augenzeugen von damals.

Über 100 Vorgaben auf 70 Seiten

Doch die anfängliche Euphorie der Neuzuzüger kam schnell zum Erliegen. Denn so schön wie versprochen war das Leben in der Planstadt gar nicht. Statt dieses nach ihren eigenen Bedürfnissen auszugestalten, mussten sich die Einwohner von Celebration den Regeln der Stadtväter beugen. Mit über 100 Vorgaben in einem 70 Seiten starken Buch waren die ziemlich umfassend.

Festgelegt war unter anderem, dass die Vorhänge in den Fenstern immer weiss, die neuenglisch-viktorianischen Fassaden stets pastellfarben sein mussten. Auch die Länge des Rasens im Vorgarten war vorgeschrieben, in dem ausserdem auf gar keinen Fall Palmen gepflanzt werden durften. Diese sollten einzig die öffentlichen Strassen säumen, die bewusst so schmal und kurvenreich gehalten waren, damit sie einen Kontrast zum typisch amerikanischen Strassenbild darstellten.

«Main Kind isst ein ausgezaichnetter Schühler der Schuhle fonn Sellibräischen»

Auch für die Bewohner gab es strikte Regeln: Grillpartys im Vorgarten waren in Celebration grundsätzlich verboten. Dafür herrschte für gemeinsame Blockpartys Anwesenheitspflicht. Besonders stoss den Menschen in Celebration aber auf, dass der Disney-Konzern auch vorschrieb, wie die Kinder der Stadt zu unterrichten seien.

Nicht nur wurden die verschiedenen Altersgruppen gemeinsam unterrichtet, es wurde auch die sogenannte Ganzwortmethode angewendet. Das heisst: Die ersten Klassen lernten nicht einzelne Buchstaben, sondern gleich ganze Wörter. Noten gab es keine, dafür schriftliche Bewertungen. Alles in allem eine eher experimentelle Vorgehensweise, die nicht bei allen Eltern gut ankam.

So kam es wiederholt zu Streitigkeiten. Manche Gegner beliessen es nicht bei direkten Ansprachen und taten ihre Meinung auch mit Aufklebern auf ihren Autos kund: «‹Mi Kid iz a Honner Studant at Sellibration Skool› (etwa: Main Kind isst ein ausgezaichnetter Schühler der Schuhle fonn Sellibräischen», soll es da laut Spiegel.de geheissen haben. Erhört wurden sie jedoch von niemanden, weshalb die ersten Celebrationers noch im ersten Jahr nach der Eröffnung das Weite suchten.

Epcot – Disneys Ursprungsidee

Die Idee einer Disney-Stadt hatte schon Begründer Walt Disney in den 1960er-Jahren. Ihm schwebte damals eine Stadt der Zukunft vor, in welcher eine Glaskuppel jederzeit für perfektes Klima gesorgt hätte und der Verkehr unterirdisch verlaufen wäre. Epcot hätte sie heissen sollen – Experimental Prototype Community of Tomorrow (Experimentelle Prototyp-Gemeinschaft von morgen). Was Disney meinte, ist im Buch «Walt Disney – An American Original» nachzulesen: «Es wird eine geplante, kontrollierte Gemeinschaft sein, ein Schaufenster der amerikanischen Industrie [...]. Es wird keine Grundbesitzer und daher keine Stimmrechtskontrolle geben. Die Menschen werden Häuser mieten, anstatt sie zu kaufen, und das zu bescheidenen Mieten. Es wird keine Rentner geben. Jeder muss erwerbstätig sein. Eine unserer Forderungen ist, dass die Menschen, die in Epcot leben, mithelfen müssen, Epcot am Leben zu erhalten.» Ob diese Idee erfolgreicher gewesen wäre als die von Celebration, ist nicht bekannt. Umgesetzt wurde sie nie. Nur der Name der futuristischen Disney-Stadt lebt weiter: Ecpot ist heute ein Freizeitpark in Orlandos Disney World.

Weiter bergab

Die pastellfarbene Fassade der Planstadt sollte auch weiterhin bröckeln. Nach nur acht Jahren verkaufte der Disney-Konzern im Jahr 2004 weite Teile von Celebration – darunter das Zentrum – an einen privaten Investor aus New York. Vier Jahre später traf die Finanzkrise die damals noch 11’000 Einwohner zählende Gemeinde. In der ersten Hälfte des Jahres 2010 waren 106 Familien gezwungen, ihre Häuser zu veräussern. Das örtliche Kino wurde geschlossen. Im selben Jahr erschütterten ein Mord und ein Suizid die Stadt.

Auch mit baulichen Mängeln hatten die Menschen in Celebration immer wieder zu kämpfen. Im Jahr 2016 schrieb das «Wall Street Journal», dass die Eigentümer von Wohnungen im Celebration Town Center «mit undichten Dächern, Balkonen, die sich von den Seiten der Gebäude lösen, und Schimmelbildung in den Wänden zu kämpfen haben. Ihre Immobilien sind so baufällig geworden, dass sie Probleme haben, sie zu verkaufen.» Eine Zivilklage vom April 2016 zielt darauf ab, eine Tochterfirma des New Yorker Investors zur Zahlung von Reparaturkosten in Höhe von 15 bis 20 Millionen Dollar zu zwingen. Doch auch hier hatten die Einwohner Celebrations das Nachsehen: Die Zahlung wurde über zehn Jahre gestundet. Mittlerweile wohnen nur noch 7427 Menschen dort.

Wissen-Push

Abonniere in der 20-Minuten-App die Benachrichtigungen des Wissen-Kanals. Du wirst über bahnbrechende Erkenntnisse und Entdeckungen aus der Forschung, Erklärungen zu aktuellen Ereignissen und kuriose Nachrichten aus der weiten Welt der Wissenschaft informiert. Auch erhältst du Antworten auf Alltagsfragen und Tipps für ein besseres Leben.

So gehts: Installiere die neuste Version der 20-Minuten-App. Tippe unten rechts auf «Cockpit», dann «Einstellungen» und schliesslich auf «Push-Mitteilungen». Beim Punkt «Themen» tippst du «Wissen» an – et voilà!

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.
32 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Lalala

29.12.2020, 15:43

Wow, Disney hat geschafft was die Amerikaner 40 Jahre mit Bomben und Gewähren bekämpft hatten, eine marxistische Planstadt auf kapitalistischem Boden!

Sozialistische Planspiele

28.12.2020, 12:29

So etwas ähnliches gab es in Europa auch schon. Nannte sich DDR. Im noch grösseren Stil war es als UDSSR bekannt. In der Schweiz gibt es das heute noch. Nennt sich Berset.

Miss Pastell

28.12.2020, 12:15

Ich finds mega schön :-), viel Grün, lustige Bauten, bunt, viel Rasen. Nicht zu gross.