Slowjansk/Ukraine: Chaotische Geiselnahme von elf Journalisten
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Slowjansk/UkraineChaotische Geiselnahme von elf Journalisten

Zusammen mit 10 anderen Journalisten ist Korrespondent Mike Giglio nahe Slowjansk von prorussischen Milizen gekidnappt worden. Die Entführung nahm ein kurioses Ende.

von
cfr

Es ist Freitag, der 2. Mai, als sich Buzzfeed-Korrespondent Michael Giglio auf den Weg nach Slowjansk macht. Dort angekommen ist er nie. Auf halber Strecke wird er samt Fahrer und Übersetzer an einem Checkpoint von prorussischen Milizen rausgewinkt.

USA sind das Feindbild

«Die Milizen wussten nicht, was sie mit uns machen sollten», erzählt Giglio dem Onlinemagazin Mashable. Einer der Militärs fragte: «Weisst du, was Amerika hier macht? Ich sollte dich hier und jetzt umbringen.»

Giglio und sein Team werden in ein besetztes Regierungsgebäude gebracht. Dort warten bereits zehn weitere westliche Journalisten, unter anderem von den TV-Sendern Sky und CBS. Man verbindet ihnen die Augen mit Handtüchern und Klebeband, nimmt ihnen Schutzwesten und Helme ab. In einem Minivan fahren die Milizen die Journalisten-Truppe in die lokale Zentrale. «An jedem Checkpoint konnte man hören, wie die Wachen ihre Gewehre spannten», erzählt Giglio. Das zeige, wie gross das gegenseitige Misstrauen innerhalb der Miliztruppen sei.

In der Zentrale angekommen, wird den Gefangenen befohlen, sich gegen eine Betonwand zu stellen und die Beine zu spreizen. Persönliche Sachen werden ihnen abgenommen. «Bitte tut uns nicht weh», weint eine Frau. Giglio sagt, er habe Angst gehabt, habe es aber als gutes Zeichen gedeutet, dass die Entführer versprochen hätten, dass sie ihre Sachen zurückerhalten würden. «Ich glaube nicht, dass Al-Kaida dir sagt, dass du dein Portemonnaie zurückbekommst», witzelt er.

«Mickey-Maus-Verhör»

Daraufhin folgt, was Giglio ein «Mickey-Maus-Verhör» nennt. «Du bist aus den USA?», fragte die einzige anwesende Frau – eine junge, zierliche Dame mit rosaroten Nägeln, einer glitzernden Uhr und Skimaske – auf Englisch. Sie hakt nach: «Was ist die Hauptstadt der USA?»

Dann sollte Giglio das Wort «garden» («Garten» – wohl um zu testen, ob er wirklich Amerikaner ist) aussprechen. Er besteht den Test. Ein britischer Journalist hat weniger Glück. Er wird geschlagen, weil die Miliz-Frau ihm nicht abnimmt, dass er aus London kommt.

Militärs schenken Tee aus

Nachdem ein Übersetzer meint gehört zu haben, dass man die Journalisten als Geiseln behalten möchte, schlägt plötzlich die Stimmung um. Umringt von Männern mit Gewehren, eröffnen die Entführer den Geiseln, dass man sie gehen lassen wird. «Sie fingen an, sich zu entschuldigen, nahmen uns die Augenbinden ab, gaben uns unsere Sachen zurück und schenkten uns höflicherweise Tee aus», erzählt Giglio. «Bei dieser irrwitzigen Tee-Party wollten die Milizen uns nun erklären, warum sie uns gekidnappt hatten», fügt er hinzu. Die Milizen hätten Panik bekommen und gesagt, dass die Entführung eine Kurzschlussreaktion gewesen sei.

Die Journalisten haben Glück. Sie werden freigelassen – einzig die Helme und kugelsicheren Westen behalten die Milizen – «als Erinnerung an euch». Auf seine Anfrage, ob er Weste und Helm je zurückbekommen werde, bekam Giglio die Antwort: «Ruf uns an, wenn der Krieg vorbei ist und wir diese nicht mehr brauchen.»

Separatisten-Hochburg Slowjansk

Die 120'000 Einwohner-Stadt Slowjansk ist derzeit Zentrum des Aufstands der Separatisten in der Ostukraine. Seit Tagen gehen die Streitkräfte des Landes gegen sie vor. Bei der «Anti-Terror-Operation» im russisch geprägten Osten des Landes starben nach Informationen beider Seiten bereits zahlreiche Menschen, Dutzende wurden verletzt. Allmählich werden Nahrungsmittel und andere Versorgungsgüter in Slowjansk knapp.

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