Chaotisches Begräbnis
Aktualisiert

Chaotisches Begräbnis

Erst durfte Jassir Arafat nicht sterben, denn seine Beisetzung musste vorbereitet werden. Dann liessen seine Anhänger nicht zu, dass er planmässig bestattet wurde.

Der palästinensische Präsident, der sein Leben lang rastlos für die Sache der Palästinenser stritt, findet anscheinend auch im Tod keine Ruhe. Als die ägyptischen Helikopter mit seinem Leichnam am Amtssitz in Ramallah landen, bricht dort Chaos aus.

Unbeeindruckt von den schlecht ausgerüsteten Sicherheitskräften, die hilflos Warnschüsse abfeuern, stürmen Tausende auf den Helikopter zu und belagern ihn.

Als der mit einer palästinensischen Flagge bedeckte Sarg nach einigem Zögern aus einem der Helikopter gehoben wird, ist kein Halten mehr. Alle drängen dorthin, um ihn zu berühren. Wie in einem tragischen Triumphzug wird der Sarg durch die Menge getragen, einige klettern auf ihn und schwenken ihre Waffen.

Trauer und Verzweiflung, aber auch Zorn und Stolz sind fühlbar. Arafat, der wie ein Vater verehrte Führer, ist zurück, der Kampf um einen unabhängigen Staat geht weiter. «Mit unserer Seele, mit unserem Blut - wir werden dich unterstützen Abu Ammar», schreien die Menschen Arafats Beinamen und schieben sich weiter vor.

Traum Ost-Jerusalem

Nachdem der Sarg eine gute halbe Stunde durch die Menge getragen wurde, gelingt es, Arafat tatsächlich in dem bereit stehenden Betonsarkophag beizusetzen. Es soll nicht die letzte Ruhestätte bleiben. Der Betonsarg, so der Plan, kann jederzeit wieder exhumiert und eines fernen Tages nach Jerusalem gebracht werden.

Arafat wollte auf dem Tempelberg bestattet werden - was ihm Israel freilich verwehrte. Mit ihrem starken Sinn für Symbole schafften die Palästinenser eigens Erde aus Jerusalem heran, um den Sarg damit zu bedecken - zum Zeichen dafür, dass Arafat seine wirklich letzte Ruhe eines Tages in der Heiligen Stadt, in einer palästinensischen Hauptstadt Ost-Jerusalem, finden werde.

Mehrere Verletzte

Schon bevor der Helikopter landet, gerät die Lage auf dem Gelände der Mukataa ausser Kontrolle. Von allen Seiten strömen die Menschen auf den Amtssitz zu, reissen die Absperrungen nieder und pressen sich mit aller Macht auf das Gelände.

Eine Holzkonstruktion bricht unter der Last der Menschen zusammen, die auf sie geklettert waren. Es gibt mehrere Verletzte. Drei Menschen werden durch Schüsse verletzt.

«Beruhigt euch»

Die völlig überforderten Sicherheitskräfte weichen nach und nach vor den anstürmenden Massen zurück und lassen das Chaos hereinbrechen. Die Lage droht zu eskalieren. Unter den Demonstranten sind nicht wenige bewaffnet - militante Anhänger der El-Aksa-Brigaden von Arafats Fatah-Organisation.

Vergeblich hatte Arafats Bürochef Tajeb Abdelrahim, der am Vortag den Tod des Präsidenten verkündet hatte, versucht, die aufgewühlten Menschen zur Ruhe zu bringen. «Beruhigt euch, ihr werdet Abu Ammar sehen» rief er immer wieder über Lautsprecher. Aber seine Appelle gehen im Geschrei der Menge unter. (sda)

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