US-Wahlen: Charakter für McCain – Politik für Obama
Aktualisiert

US-WahlenCharakter für McCain – Politik für Obama

Nach den Parteitagen beginnt die heisseste Phase des US-Wahlkampfs. Für die Medien begünstigt das politische Klima den Demokraten Barack Obama, doch John McCain und die Republikaner sind keineswegs geschlagen.

von
Peter Blunschi

Der Abschluss der «zwei politischen Konklaves», so die «New York Times», hätte kaum unterschiedlicher ausfallen können. Barack Obama sprach in Denver vor 80 000 Zuschauern und zog alle Register seiner rhetorischen Brillanz, John McCain hielt in St. Paul laut «NZZ» eine «wenig mitreissende Rede in einem nicht brechend vollen Saal». Er habe gar nicht erst versucht, mit Obamas Auftreten und seiner Redegewandtheit mitzuhalten, stellte die «Washington Post» fest. Viele Kommentatoren beurteilten die Rede als enttäuschend.

Das Rennen um die Präsidentschaft ist aber längst nicht gelaufen, darin sind sich die Beobachter einig. Zwei Monate intensiver Wahlkampf stehen noch bevor. Obama habe nach der harten Vorwahl und der «risikofreien» Ernennung von Joe Biden zum Vize-Kandidaten den Konvent in Denver mit einer geeinten Partei verlassen, so die «Washington Post». Umgekehrt habe John McCain mit der Wahl von Sarah Palin «einen unerwarteten Schub an Energie und Einheit» bei der konservativen Basis der Republikaner erzeugt. Dies könne die «Enthusiasmus-Lücke» verkleinern, die bislang ein Vorteil der Demokraten gewesen sei.

Schwieriger Weg für McCain

Allerdings sei der Weg zum Sieg für McCain schwieriger zu bewältigen als für Obama, betonte die «Washington Post». Er müsse die Konservativen mobilisieren und gleichzeitig Wähler in der Mitte gewinnen. Damit aber müsse er sich von der unpopulären Regierung distanzieren. Die «New York Times» stellte fest, dass McCain in seiner Rede kein einziges Mal den Namen Bush erwähnte. Es sei jedoch leichter, «als Oppositionspartei anzutreten, wenn man auch in der Opposition ist». Allerdings sei John McCain mit seinem Ruf als unabhängiger Querdenker besser als jeder andere Republikaner dafür geeignet.

Entscheidend wird auch sein, welche Themen die Schlussphase des Wahlkampfs dominieren. Im Sorgenbarometer der Wähler ganz oben steht die schlechte Wirtschaftslage. Dieses Thema, darin ist man sich weitgehend einig, hilft den Demokraten. Die Republikaner wollen deshalb mit den Themen Moral und Werte antreten, mit denen sie 2004 gegen John Kerry gewonnen hatten. «Dies wird eine Werte-Wahl», zitierte die «Los Angeles Times» einen hochrangigen Parteistrategen. Barack Obama und die Demokraten sollen als elitär und abgehoben von den Werten der Durchschnittsamerikaner dargestellt werden.

Warnung vor Werte-Strategie

Die Zeitung betonte aber auch das Risiko dieser Strategie. 1988 habe sie gegen Michael Dukakis funktioniert, nicht aber 1992 in einem schwierigen ökonomischen Umfeld gegen Bill Clinton. Das konservative «Wall Street Journal» warnt gar explizit davor, die Wahl an der Charakterfrage aufzuhängen: «Das ist eine Verliererstrategie in einem Jahr, in dem die Wählerschaft einen Wandel wünscht, besonders im Hinblick auf die Wirtschaft.» McCain könne nur gewinnen, «wenn er seinen Charaktervorteil mit einer Agenda des echten Wandels verbindet».

Ein weiterer Vorteil für die Demokraten: Sie haben viel mehr neue Wähler als die Republikaner dazu gebracht, sich registrieren zu lassen, besonders in den umkämpften Bundesstaaten. Selbst die Republikaner anerkennen diese Tatsache. Sie bauen darauf, dass «Hockey Mom» Sarah Palin die Wähler in ländlichen Gebieten mobilisieren kann. Die «Los Angeles Times» verwies auf Strategen beider Parteien, die zwölf bis 15 Prozent der Wählerschaft für unentschlossen halten. Diese seien offen «sowohl für wirtschaftliche wie kulturelle Argumente».

Person oder Politik?

Der Wahltag werde entscheiden, welches Thema den Ausschlag gebe. Für den alt gedienten Politanalysten Bill Schneider von CNN ist die Ausgangslage klar: «Wenn es um einen Wahl zwischen zwei Personen geht, wird vermutlich McCain das Rennen machen. Geht es darum, wer die bessere Politik anzubieten hat, ist Obama im Vorteil: Seine ist neuer, intelligenter und frischer.»

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