Ungarn: Chef der Katastrophen-Fabrik verhaftet
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UngarnChef der Katastrophen-Fabrik verhaftet

Bereits acht Menschen sind nach der Giftschlamm-Unglück in Ungarn ihren Verletzungen erlegen. Der Generaldirektor der Aluminium-AG wurde derweil festgenommen.

Eine Woche nach dem Giftschlamm- Unglück greift die ungarische Regierung hart durch. Der Generaldirektor der Ungarischen Aluminium-AG (MAL) wurde festgenommen. Die Behörde beantragte für den Top-Manager Untersuchungshaft.

Zur Eröffnung der wöchentlichen Parlamentssitzung am Montag gab der rechtskonservative Regierungschef Viktor Orban bekannt, dass der Staat die MAL, die privaten ungarischen Eigentümern gehört, in seinen Besitz bringen und selbst weiterführen will.

Orban sagte weiter, die Opfer der Katastrophe müssten Schadenersatz erhalten. Die Arbeitsplätze in dem Werk sollten erhalten bleiben. Zudem müssten die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen und weitere potenziell gefährliche Standorte erkannt werden.

Gesetz im Parlament

Bis diese vier Punkte erfüllt seien, müsse das Vermögen der Firma eingefroren werden. Ein Gesetz zur Wiederverstaatlichung der MAL könnte noch Anfang Woche vom Parlament gebilligt werden. Orbans Regierungspartei Bund Junger Demokraten (FIDESZ) verfügt in der Volksvertretung über eine komfortable Zweidrittelmehrheit.

Das Unternehmen befindet sich im Besitz ungarischer Geschäftsleute, die bei der Privatisierung der Aluminiumindustrie in den neunziger Jahren dank ihrer politischen Beziehungen zum Zug gekommen waren. Der festgenommene Generaldirektor ist der Sohn eines der Mitbesitzer. Dem Betreiber des Aluminiumwerks droht nach Regierungsangaben eine Geldbusse in Höhe von 73 Millionen Euro.

Am Montag vergangener Woche war ein Abfallbecken der MAL im westungarischen Ajka geborsten. Fast eine Million Kubikmeter Bauxitschlamm liefen aus und überschwemmten mehrere Dörfer. Während die Ökosysteme der Flüsse Marcal und Torna völlig zerstört wurden, blieb die Donau weitgehend verschont.

Mehr als 4000 Einsatzkräfte sind in der Region im Einsatz, um die Verwüstungen zu beseitigen und eine mögliche zweite Giftschlammwelle zu verhindern. Eine Woche nach dem Unfall fanden Einsatzkräfte in der Ortschaft Devecser die Leiche eines achten Todesopfers. Wie der ungarische Katastrophenschutz mitteilte, wird damit niemand mehr vermisst.

Auffangdamm in Arbeit

In dem am schlimmsten betroffenen Dorf Kolontar waren die Einsatzkräfte weiter damit beschäftigt, einen Auffangdamm für eine mögliche neue Giftwelle zu errichten. Die ein Kilometer lange und vier Meter hohe Mauer soll den laugenhaltigen Schlamm aufhalten, falls die Mauer des Abfallbeckens der MAL erneut bricht.

Die rund 800 Bewohner von Kolontar können in Kürze wieder in ihre Häuser zurückkehren. Das Dorf war am Samstagmorgen eilig geräumt worden, weil das Auffangbecken mit Giftschlamm erneut zu bersten drohte. Die Bewohner verbrachten die Nächte bei Freunden, Verwandten oder in einer Turnhalle in Ajka.

In Ungarn traf unterdessen ein sechsköpfiges Expertenteam der Europäischen Union ein. Die Spezialisten wollen sich vor Ort ein Bild von der Lage machen, Daten sammeln und den ungarischen Behörden bei der Bewältigung der Umweltkatastrophe helfen.

Auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso will am Dienstag Ungarn besuchen und mit der Regierung über die Folgen des Unglücks sprechen. Der Besuch sei seit Längerem geplant gewesen, erfolge aber «genau im richtigen Augenblick», teilte die EU-Kommission in Brüssel mit.

(sda)

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