Aktualisiert 04.05.2017 16:27

Berner Gerichtsfall

Chef nötigte Frau mit Fake-Mails zu Sexspielen

Ein Chef soll seine Angestellte mit fingierten E-Mails zum Sex erpresst haben. Sein Anwalt will geltend machen, die Frau habe bei den Sextreffen freiwillig mitgemacht.

von
sul
Das Regionalgericht Bern-Mittelland beschäftigte sich am Mittwoch mit dem Fall. Das Urteil erfolgt am Freitag.

Das Regionalgericht Bern-Mittelland beschäftigte sich am Mittwoch mit dem Fall. Das Urteil erfolgt am Freitag.

Keystone/Lukas Lehmann

Die Geschichte klingt reichlich abstrus. Die Personalverantwortliche einer Firma aus der Baubranche erhielt im Juli 2013 ein E-Mail von einer gewissen Carla. Die Forderung des Schreibens: Die Angestellte müsse an bestimmten Tagen in aufreizender Kleidung im Büro erscheinen und mit ihrem Chef Sex haben. Falls dies nicht geschehe, habe sie mit schwerwiegenden beruflichen und familiären Konsequenzen zu rechnen. Was die Frau nicht ahnte: Hinter Carla verbarg sich niemand anders als der Chef selbst.

Mit dem seltsamen Fall beschäftigte sich am Mittwoch das Regionalgericht Bern-Mittelland, wie die «Berner Zeitung» berichtet. Die Anklage gegen den Geschäftsführer lautet auf Nötigung, sexuelle Nötigung oder Vergewaltigung. Was ihn zum E-Mail bewogen hatte – er verfasste es notabene in seinen Strandferien – konnte der Mittvierziger dem Gericht nicht darlegen. «Es war der grösste Fehler in meinem Leben», sagte er nur. Entgegen seinen Erwartungen sei die Frau dann nach den Ferien auf ihn zugekommen und habe ihm eröffnet, dass sie Sex haben würden.

Eigene Ideen für Sex-Spiele?

Zu rund 50 Sextreffen, verteilt auf gut zwei Jahre, kam es im Anschluss an die anonyme Drohung. Die Filme von den Rollenspielen, die nach Drehbuch abliefen, schickten die beiden angeblich an Carla: Der Chef gaukelte seiner Angestellten vor, er werde ebenfalls von Carla erpresst, nachdem diese ihm eine Speicherkarte mit einer Sex-Szene entwendet habe.

Der Verteidiger des Mannes verlangt einen Freispruch im Hauptanklagepunkt der (sexuellen) Nötigung. Es mute ein wenig seltsam an, dass sie Frau die «handgestrickte Drohung» nicht hinterfragt habe und gleich auf die darin erhobenen Forderungen eingegangen sei. «Das Verhalten lässt darauf schliessen, dass das Ganze der Frau gar nicht so zuwider war», so der Verteidiger. Auch habe sie eigene Ideen für die Rollenspiele beigesteuert.

Urteilsspruch erfolgt am Freitag

Der Vertreter der Frau, die als Privatklägerin auftritt, forderte hingegen eine Verurteilung wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung. Sie sei zu den Sextreffen gezwungen worden, habe unter enormem psychischen Druck gestanden und Angst gehabt, alles zu verlieren.

Die Frau sei mit ihrer offenen und freizügigen Art gegenüber ihren Arbeitskollegen zwar ein leichtes Opfer gewesen, meinte die Staatsanwältin, doch: «Auch ein leichtes Opfer braucht Schutz.» Sie plädiert daher für eine bedingte Gefängnisstrafe von 22 Monaten wegen mehrfacher Nötigung.

Das Urteil erfolgt am Freitagnachmittag.

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz – keine Seltenheit

Ein zotiger Witz, eine schlüpfrige E-Mail, eine nicht ganz zufällige Berührung: Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz kommt häufiger vor, als man denkt. Gemäss einer Studie von Silvia Strub und Marianne Schär Moser («Risiko und Verbreitung sexueller Belästigung am Arbeitsplatz», 2008) kommt über die Hälfte aller Männer und Frauen im Laufe des Erwerbslebens direkt oder indirekt damit in Kontakt. Die Grenze zum harmlosem Flirt scheint auf den ersten Blick schwierig zu ziehen. Laut Barbara Morawec Repp von der Fachstelle Opferhilfe Vista Thun gibt es aber eine simple Regel: «Sexuelle Belästigung liegt vor, wenn Handlungen oder Aussagen sexuelle Inhalte haben und nur der einen Seite Freude bereiten, während sie für das Gegenüber belästigend sind.» Es sei wichtig, dass Betroffene der belästigenden Person klarmachen, dass ihr Verhalten unerwünscht ist. Ferner rät die Fachfrau, Unterstützung bei einer Vertrauensperson innerhalb der Firma oder bei einer externe Beratungsstelle einzuholen.

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