Chef verpfeifen im Internet

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Chef verpfeifen im Internet

Das Beispiel des gefeuerten Informatikers, der ein Top-Kadermitglied von Radio Suisse Romande wegen Kinderpornos angeschwärzt hat, zeigt: Wer Missstände in der eigenen Firma aufdeckt, riskiert selber den Rauswurf. Eine Webseite speziell für «Whistleblowers» bietet Schutz für Mitarbeiter mit Gerechtigkeitssinn.

von
Manuel Bühlmann

Aufmüpfige Mitarbeiter, die sich für ihr eigenes und das Recht anderer einsetzen, sind den meisten Chefs ein Dorn im Auge. Schliesslich lassen sich rückgratlose Schafe, die ohne zu bocken dem Leithammel folgen, viel einfacher führen. Wer trotzdem den Mut zusammen nimmt und etwa Missstände öffentlich macht, wird nicht selten auf unmissverständliche Art und Weise zum Schweigen gebracht. Im schlimmsten Fall droht gar die Kündigung.

Wer Fehler aufdeckt, wird gefeuert

Die Beispielliste der Fälle ist endlos, auch in der Schweiz. So wurden im vergangenen Oktober zwei Mitarbeiterinnen des Sozialdepartements der Stadt Zürich freigestellt. Sie werden verdächtigt, vertrauliche Daten den Medien zugespielt zu haben, die als Grundlage für die kritische Berichterstattung rund ums Thema Sozialhilfemissbrauch dienten. Dass die Berichte und die nachgewiesenen Fehler im Sozialamt ihre Chefin schliesslich zu Fall brachten, nützt den beiden langjährigen Mitarbeiterinnen nichts.

Ähnlich erging es dem Informatiker Jorge Resende (20minuten.ch berichtete). Er entdeckte 2005 bei Radio Suisse Romande kinderpornographisches Material bei einem Kadermitglied und meldete seinen Fund der Direktion. Als auch nach zwei Jahren nicht darauf reagiert wurde, wendete er sich an die Öffentlichkeit. Resende wurde umgehend entlassen.

Schutz für Whistleblower im Internet

Für solche Fälle wurde die Internet-Plattform Wikileaks ins Leben gerufen. «Wikileaks ist ein Ventil für Regierungsbeamte, jeden Bürokraten, jeden Angestellten, der über beschämende Informationen stolpert, von denen die Öffentlichkeit Kenntnis haben sollte», erklären die anonymen Initianten das Prinzip, das hinter der Whistleblower-Site steht. Als «Whistleblowers» werden Personen bezeichnet, die Missstände oder illegales Handeln an die Öffentlichkeit bringen.

Bank Bär blitzte ab

Aufgrund einer Klage der Schweizer Privatbank Julius Bär wurde Wikileaks per richterlichen Beschluss vorübergehend geschlossen. Auslöser war die Veröffentlichung geheimer Dokumente durch einen ehemaligen Mitarbeiter, welche die Bank in Bezug auf Beihilfe zu Steuerhinterziehung und Geldwäscherei in ein schlechtes Licht rückte. Auf alternativen Seiten war die Whistleblowers-Site allerdings weiterhin erreichbar. Schliesslich hob der zuständige Richter nur elf Tage später die einstweilige Verfügung wieder auf, da mit der Sperrung die gewünschte Geheimhaltung nicht erwirkt werden konnte.

Die Whistleblowers-Plattform ist allerdings nicht über alle Zweifel erhaben. So bemängeln Kritiker, dass Wikileaks die veröffentlichten Dokumente keinerlei Prüfungen unterzieht. Willkür ist also Tür und Tor geöffnet. Dass die Betreiber der Site nicht mit ihrem Namen bekannt sind, stösst einigen zusätzlich auf. Laut eigenen Angaben wurde Wikileaks von chinesischen Dissidenten, Journalisten, Mathematikern und Technikern von Startup-Unternehmen aus den USA, Taiwan, Europa, Australien und Südafrika gegründet. Seit der Gründung Ende 2006 sollen Wikileaks über 1,2 Millionen Dokumente zugespielt worden sein.

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