11.02.2019 05:43

SchuhketteChefin will, dass Lernende trotz Grippe arbeitet

Eine Chefin versuchte, ihren kranken Lehrling zum Arbeiten zu verdonnern. Sie habe zu wenig krank gewirkt, warf sie ihr vor.

von
B. Zanni
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«Ich habe meine Grippe noch nicht auskuriert. Der Arzt stellte mir deshalb bis Anfang nächster Woche ein Zeugnis aus», sagt die Lernende T.R. Doch ihre Chefin hatte kein Verständnis dafür. «Sie schickte mir darauf SMS zurück, in denen sie mich der Lüge beschuldigte.»

«Ich habe meine Grippe noch nicht auskuriert. Der Arzt stellte mir deshalb bis Anfang nächster Woche ein Zeugnis aus», sagt die Lernende T.R. Doch ihre Chefin hatte kein Verständnis dafür. «Sie schickte mir darauf SMS zurück, in denen sie mich der Lüge beschuldigte.»

Farknot_architect/Fotomontage 20min
Nach zwei Tagen mit Grippe im Bett schleppte sich T. R.* am vergangenen Mittwoch zur Arbeit. «Ich hatte starke Kopfschmerzen, Husten und Schluckweh, aber ich wollte meine Kollegen nicht im Stich lassen», sagt der Lehrling Detailhandel bei einer Schweizer Schuhladen-Kette.

Nach zwei Tagen mit Grippe im Bett schleppte sich T. R.* am vergangenen Mittwoch zur Arbeit. «Ich hatte starke Kopfschmerzen, Husten und Schluckweh, aber ich wollte meine Kollegen nicht im Stich lassen», sagt der Lehrling Detailhandel bei einer Schweizer Schuhladen-Kette.

ela Bracho
Für Gewerkschaften ist der Fall inakzeptabel. Kathrin Ziltener, Jugendsekretärin bei der Gewerkschaft Unia, stellt klar: «Es verstösst gegen das Arbeitsrecht, wenn der Arbeitgeber einen Mitarbeiter trotz Krankheit zum Arbeiten verdonnert.»

Für Gewerkschaften ist der Fall inakzeptabel. Kathrin Ziltener, Jugendsekretärin bei der Gewerkschaft Unia, stellt klar: «Es verstösst gegen das Arbeitsrecht, wenn der Arbeitgeber einen Mitarbeiter trotz Krankheit zum Arbeiten verdonnert.»

Tero Vesalainen

Nach zwei Tagen mit Grippe im Bett schleppte sich die junge Frau T. R.* am vergangenen Mittwoch zur Arbeit. «Ich hatte starke Kopfschmerzen, Husten und Schluckweh, aber ich wollte meine Kollegen nicht im Stich lassen», sagt der Lehrling Detailhandel bei einer Schweizer Schuhladen-Kette. Sie sei so schwach gewesen, dass sie die Kunden kaum habe bedienen können. Da sie am Nachmittag auch noch einen Arzttermin hatte, bat sie ihre Chefin, früher nach Hause gehen zu können. «Sie erlaubte mir dies und verlangte aber, dass ich am nächsten Tag wegen unseres Personalmangels wieder zur Arbeit erscheine.» R. konnte ihr dies aber nicht versprechen, weil sie zuerst die Beurteilung des Arztes abwarten wollte.

«Ich habe meine Grippe noch nicht auskuriert. Der Arzt stellte mir deshalb bis Anfang nächster Woche ein Zeugnis aus.» Doch ihre Chefin hatte kein Verständnis dafür. «Sie schickte mir darauf SMS zurück, in denen sie mich der Lüge beschuldigte», sagt R., deren Worte im Gespräch mit 20 Minuten immer wieder von Hustenanfällen unterbrochen werden.

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«Die Situation eiskalt ausgenutzt»

Die Screenshots der SMS liegen 20 Minuten vor. «Das war jetzt sehr berechnend von Ihnen. Sie haben die Situation eiskalt ausgenutzt!!!», schrieb die Chefin. Sie warf der Lernenden vor, ihre Gutmütigkeit ausgenutzt zu haben. «Bin sehr fest enttäuscht von Ihnen. Soo krank haben Sie nicht gewirkt.» Sie stelle das ganze Team vor Probleme. «Ich weiss, wie schnell die Ärzte Zeugnisse ausstellen. Auf meine Hilfe können Sie nicht mehr zählen.» R. blieb höflich und antwortete, dass sie das Team wieder wie gewohnt unterstützen werde, sobald sie wieder gesund sei.

Für die Lernende überschreitet der Betrieb mit dem Krankheitsverbot nicht zum ersten Mal Grenzen. «Nur ganz kurzfristig wurde mir mitgeteilt, dass unsere Filiale Ende Februar schliesst und ich deshalb meine Lehrstelle verlieren werde», so R. Hilfe bei der Lehrstellensuche biete ihr der Betrieb nicht an. «Und jetzt soll ich wegen des Personalmangels auch noch krank arbeiten. Ich fühle mich ausgenutzt.» Zudem habe sie als Lernende etliche Überstunden geschoben.

Das Schuhgeschäft schreibt auf Anfrage, dass sie mit der Vorgesetzten der Lernenden zurzeit in Kontakt stünden und die genauen Vorkommnisse abklären würden. «Die Gesundheit unserer Mitarbeitenden, unserer Kunden sowie der respektvolle Umgang haben bei uns stets höchsten Stellenwert», hält die Geschäftsleiterin fest. Sollte dieses Gebot missachtet worden sein, würden sie dies aufarbeiten und Massnahmen treffen, um dies in Zukunft zu verhindern. Auch würden sie sich dann im Namen unseres Geschäfts bei der Mitarbeiterin für den Umgangston entschuldigen.

Gesundheit sei gefährdet

Für Gewerkschaften ist der Fall inakzeptabel. Kathrin Ziltener, Jugendsekretärin bei der Gewerkschaft Unia, stellt klar: «Es verstösst gegen das Arbeitsrecht, wenn der Arbeitgeber einen Mitarbeiter trotz Krankheit zum Arbeiten verdonnert.» Dies gefährde sowohl die Gesundheit des Mitarbeiters, der Kollegen als auch der Kunden. Arbeitgeber müssten immer damit rechnen, dass ein Mitarbeiter krankheitsbedingt ausfalle. «Auch ein Personalmangel berechtigt nicht zur Arbeit trotz Krankheit.» Zudem sei es widerrechtlich, Lernende als volle Arbeitskräfte einzuberechnen. Auch der Umgangston der Chefin sei nicht professionell. «Bei Unstimmigkeiten sollte der Chef mit dem Mitarbeiter das Gespräch suchen.»

Marilena Schioppetti, Rechtsanwältin von Angestellte Schweiz, sagt: «Es kommt manchmal vor, dass es zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu Streitigkeiten kommt, weil sich der Arbeitnehmer krankmeldet.» Sie betont: «Den Gesundheitszustand des Arbeitnehmers zu beurteilen, ist nicht Sache des Chefs.» Dafür sei allein der Arzt zuständig.

Andere Erfahrungen macht Heinz Heller, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Zürich. Die meisten Arbeitgeber wünschten gut auskurierte Mitarbeiter. «Zu Auseinandersetzungen kommt es vor allem, wenn Arztzeugnisse den Anschein von Gefälligkeitszeugnissen erwecken oder der Arzt sich nur auf die Angaben des Patienten verlassen hat.»

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