Regierungskritische Zeitung: Chefredaktor von «Cumhuriyet» in Haft
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Regierungskritische ZeitungChefredaktor von «Cumhuriyet» in Haft

Der türkische Präsident Erdogan knöpft sich die regierungskritische Zeitung vor. Seit dem Putschversuch sitzen 105 Journalisten im Gefängnis.

von
ij
Haftbefehle gegen Journalisten: Die türkische Regierung wirft der linksgerichteten Zeitung «Cumhuriyet» Unterstützung des Putschversuches vor.

Haftbefehle gegen Journalisten: Die türkische Regierung wirft der linksgerichteten Zeitung «Cumhuriyet» Unterstützung des Putschversuches vor.

AFP/Ozan Kose

Die türkische Polizei hat den Chefredakteur und zwei Kolumnisten der oppositionellen türkischen Zeitung «Cumhuriyet» festgenommen. Murat Subancu, Güraz Öz und Aydin Engin seien nach Razzien in deren Zuhause in Gewahrsam genommen worden, berichtete «Cumhuriyet» auf ihrer Webseite.

Die Polizei durchsuche die Häuser anderer ranghoher Mitarbeiter des Blatts, unter anderem das seines Karikaturisten, hiess es. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete, es gebe Haftbefehle gegen zehn weitere Angestellte.

Unterstützung der Gülen-Bewegung

In einer Erklärung der Istanbuler Staatsanwaltschaft hiess es, die festgenommenen Personen würden verdächtigt, im Namen der Bewegung des in den USA ansässigen muslimischen Geistlichen Fethullah Gülen und der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK Verbrechen begangen zu haben.

Zwar werde ihnen keine Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung oder der PKK vorgeworfen. Doch gebe es «Behauptungen» und «Beweise», dass die Verdächtigen kurz vor dem Putschversuch am 15. Juli Inhalte veröffentlicht hätten, die den Aufstand legitimieren sollten, hiess es.

105 Journalisten festgenommen

Die türkische Regierung wirft Gülen vor, Drahtzieher des gescheiterten Putschs vom 15. Juli zu sein. Die linksgerichtete «Cumhuriyet» ist eine der ältesten Zeitungen der Türkei. Hintergrund der Festnahmen sind Vorwürfe von oppositionellen Zeitungen und Menschenrechtsgruppen, dass die Türkei den nach dem gescheiterten Militärputsch verhängten Ausnahmezustand nutze, um neben mutmasslichen Putschisten auch gegen alle anderen Andersdenkenden vorzugehen.

Nach Angaben der Generalsekretärin des türkischen Journalistenverbands, Sibel Günes, wurden seit dem Umsturzversuch rund 170 Medienorganisationen geschlossen und 105 Journalisten festgenommen. Zudem hätten die Behörden über 600 Journalisten die Akkreditierung entzogen. Tausende weitere seien arbeitslos.

Am Sonntag wurden zwei prominente kurdische Politiker offiziell verhaftet, nachdem sie Tage zuvor wegen nicht näher angegebenen Terrorvorwürfen in Gewahrsam genommen worden waren. Dabei handelte es sich um die Bürgermeisterin der grössten kurdisch geprägten Stadt Diyarbakir, Gültan Kisanak, und den Co-Bürgermeister Firat Anli. (ij/dapd)

Staatlichen Repressalien ausgesetzt

Die 1924 gegründete «Cumhuriyet» war über Jahrzehnte staatlichen Repressalien und politisch motivierten Anschlägen ausgesetzt. Der «Cumhuriyet»-Autor Ugur Mumcu wurde 1993 bei einem Bombenattentat getötet. 2015 wurde gegen die Zeitung wegen der Veröffentlichung einer «Charlie-Hebdo«-Karikatur ermittelt, zwei Kolumnisten wurden zu Haftstrafen verurteilt.

Im Mai wurden der Chefredaktor Can Dündar und sein Hauptstadtbüroleiter Erdem Gül zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Sie wurden für schuldig befunden, geheime Dokumente veröffentlicht zu haben, die türkische Waffenlieferungen an Islamisten in Syrien 2015 belegen sollen. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte sie persönlich angezeigt.

Im September wurde «Cumhuriyet» mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

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