Suizid von Ex-Zurich-Chef: «Chefs können sich nur wenigen anvertrauen»

Aktualisiert

Suizid von Ex-Zurich-Chef«Chefs können sich nur wenigen anvertrauen»

Der Suizid vom Ex-Zurich-Chef Martin Senn macht betroffen. In einer Leistungsgesellschaft sei nicht vorgesehen, dass Chefs bei Problemen Fachpersonen beiziehen, so ein Psychiater.

von
lin

Der ehemalige Zurich-Chef Martin Senn hat sich am Freitag das Leben genommen. Er ist der bislang letzte einer Reihe von Top-Managern, die Suizid begingen.

Herr Haas*, sind Manager besonders suizidgefährdet?

Dass es einen Unterschied bei den Suizidraten zwischen den verschiedenen Hierarchiestufen gibt, ist mir nicht bekannt. Allerdings nehmen mit der Verantwortung auch das Prestige und das Einkommen zu. Und es gibt eine gewisse Selektion bei Menschen, die durch solche Positionen angezogen werden. Nämlich Personen, die eine überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit haben.

Wie wirkt sich das aus?

Je höher jemand die Karriereleiter emporsteigt, desto mehr Energie und Zeit wurde investiert. Werden Führungskräfte abgesetzt – berechtigt oder nicht –, ist der Preis, den sie dafür bezahlen, entsprechend grösser als bei jenen, die eine Karriere nicht ganz so intensiv anstreben.

Wie verarbeitet man einen solchen beruflichen Rückschlag?

Das ist ein Entwicklungsprozess, den man in der Regel nicht alleine schafft. Ganz allgemein hängen Arbeit und psychische Gesundheit stark zusammen. Ein Jobverlust ist ein klassischer Krisenauslöser. Wenn Suizidalität mit im Spiel ist, sind meist noch weitere persönliche Gründe hinzugekommen. Trotz immer grösserer Arbeitsverdichtung und Mobilität im Job gesund zu bleiben, wird zunehmend schwieriger und auch künftig ein grosses Thema sein.

Sind Führungskräfte einsamer als Angestellte ohne Führungsfunktionen?

Bei Personen an der Macht sind Isolationstendenzen feststellbar. CEOs dürften zudem nur wenige Personen im Unternehmen haben, denen sie sich anvertrauen können. Dabei gehören interne Ansprechparter zu den wichtigsten Faktoren, um am Arbeitsplatz gesund zu bleiben. Es ist ein Prädikat für Firmen, wenn sich auch der CEO oder Geschäftsleitungsmitglieder getrauen, persönliche Probleme anzusprechen und dabei auf offene Ohren stossen. Das strahlt auf das gesamte Unternehmen positiv aus.

Ist es für Personen in leitender Funktion schwieriger, Hilfe anzunehmen?

In unserer Leistungskultur ist meist nicht vorgesehen, dass Führungskräfte Fachpersonen ins Vertrauen ziehen, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Das hat damit zu tun, dass das Bild des Teflon-Managers vorherrscht, an dem alles abprallt. Sie scheinen besonders hell zu strahlen, verfügen aber über eine Kehrseite, die sie verletzlich macht.

Hat das auch mit den oft sehr hohen Gehältern zu tun?

Von Personen, die viel verdienen, werden auch besondere Leistungen erwartet. Für persönliche Probleme gibt es meist wenig Verständnis. Im Sinne von: Wer so viel Geld hat, soll sich nicht beklagen.

*Sebastian Haas ist stellvertretender Ärztlicher Direktor der Privatklinik Hohenegg und Leiter Schwerpunkt Burnout und Belastungskrisen.

Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe

Beratung:

Dargebotene Hand, Tel. 143, (www.143.ch); Online-Beratung für Jugendliche mit Suizidgedanken: www.u25-schweiz.ch

Kirchen (www.seelsorge.net)

Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:

Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (www.nebelmeer.net);

Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (www.verein-refugium.ch);

Verein Regenbogen Schweiz (www.verein-regenbogen.ch).

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