Was für ein Spiel: Chelsea mauert sich in den Final - Messi trauert
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Was für ein SpielChelsea mauert sich in den Final - Messi trauert

In einem atemberaubenden und an Spannung kaum zu überbietenden CL-Halbfinal trennen sich Barcelona und Chelsea 2:2. Tragische Figur der Partie ist Lionel Messi, der einen Penalty verschiesst.

«El Niño» nannten sie Torres einst, den Wirbelstürmer aus Madrid: Während Monaten mühte er sich an der Stamford Bridge vergeblich ab, wurde mit Kritik überhäuft und als grösster Fehltransfer überhaupt bezeichnet. Nun hat Torres eines der wichtigsten Tore der Londoner geschossen. In der Nachspielzeit stürmte er los, schüttelte alle Katalanen ab und umkurvte auch noch FCB-Keeper Valdés. Deren 0:1-Hinspielniederlage war damit endgültig nicht mehr wettzumachen.

Barcelonas Star-Ensemble war schon zuvor geschockt. Die Gastgeber hatten in Überzahl ein Schauspiel aufgeführt und sich über 75 Prozent Ballbesitz erspielt. Am Ende löste sich alles in Schall und Rauch auf. Drei Tage nach dem 1:2 gegen Real überstieg das 2:2 gegen Chelsea die Wirkung der Niederlage gegen die Madrilenen sogar noch um eine Dimension: Das Out in der «Königs-Klasse» wird den Verein, der in den letzten vier Jahren 13 Titel gewonnen hat, mehr schmerzen als alle Enttäuschungen zuvor.

Di Matteos perfekte Einwechslung

Als Ramires Sekunden vor der Pause den einzigen Konter Chelseas mit einem feinen Heber brillant abschloss, änderte er am Drehbuch vorerst nichts. Die Gäste sahen sich nach wie vor ausserstande, die Spielkunst der Katalanen auch nur im Ansatz einzuschränken.

Doch der verlängerte Sturmlauf des Titelhalters führte nicht zum unbedingt benötigten dritten Tor, das Powerplay brachte ausser Applaus nichts ein. Chelsea hingegen verteidigte sich in Unterzahl den eigenen Mitteln entsprechend smart, verzögerte die Zeit, hielt die gefährlichen Scorer der Spanier auf Distanz und lauerte bis zur letzten Sekunde auf den entscheidenden Gegenschlag.

Und Roberto Di Matteo, der Coach mit Wurzeln in Schaffhausen und italienischem Pass, erkannte die Gunst des Moments. In der 80. wechselte er mit Torres jenen Stürmer ein, der die Geschichte eines bis dahin völlig einseitigen Spiels komplett veränderte.

Di Matteo, der Trainer-Aufsteiger des Jahres, der erst am 4. März zum Chef aufgestiegen war, wechselte für die Londoner den Glücks- und Heilsbringer ein. Damit dürfte der 41-Jährige selber zum grössten Gewinner des unglaublichen Abends im Camp Nou avancieren. Doch er wusste wohl auch, wie sehr seine Equipe vom Glück begünstigt gewesen war - mehrfach stand Chelsea einem Debakel wesentlich näher als dem zweiten Finalvorstoss der Klubgeschichte.

Messi, die tragische Figur

«Bajo el signo de Leo!» Im Zeichen des Löwen sollte die Begegnung stehen. Doch Lionel Messi, der Welt- und Wunderfussballer, der Rekordtorschütze des Klubs, sorgte nicht wie gewünscht oder verlangt für die Highlights. Messi dribbelte, Messi passte, aber Messi traf erneut nicht - zum dritten Mal in Serie nicht! Im wichtigsten Moment der Saison versagte der 24-Jährige.

Einen Foulpenalty setzte er an die Lattenunterkante, ein Weitschuss des Argentiniers prallte vom Pfosten zurück. Nicht nur seinem Klub, der gegen Chelsea zum siebten Mal in Folge nicht siegte, liegen die robusten Londoner nicht, auch ihm persönlich fällt die Kunst gegen die «Blues» besonders schwer: Messi traf gegen sie noch überhaupt nie. Diese für seine Verhältnisse desaströse Bilanz ist wohl nicht nur mit fehlendem Glück zu erklären.

Krise?

Aussenstehende und wohl auch die Konkurrenz aus England versuchten, beim FC Barcelona nach zwei empfindlichen Niederlagen eine «Mini-Krise» auszumachen. Maulwürfe sollen vor dem verlorenen «Clàsico» gegen den Erzrivalen aus Madrid Interna veröffentlicht haben und Pep Guardiola sei angespannter als üblich vor die Medien getreten, wurde aus Katalonien übermittelt.

Als der türkische Referee Cüneyt Cakir die Partie freigab, widerlegte «Barça» zunächst alle Mutmassungen mit einer beispiellosen Schubkraft. Die Künstler arbeiteten und kombinierten, als hätte sie Guardiola nur in eine Richtung programmiert. Das Duell fand im Prinzip bis zur Nachspielzeit nur in einer Hälfte statt. Nach knapp drei Minuten setzte Messi einen Ball ins Aussennetz, weitere hochprozentige Chancen folgten.

Die Engländer umklammerten ihren minimalen Vorteil aus dem Hinspiel mit zehn defensiv orientierten Feldspielern. Den ersten Moment des Schreckens hatten aber nicht sie, sondern die Katalanen zu verkraften: Als Keeper Valdés den eigenen Verteidiger Piqué rammte, war zunächst mit dem Schlimmsten zu rechnen - der Spanier erholte sich zwar, musste aber wenig später ersetzt werden.

Piqués Absenz verkraftete Barcelona bis zur drittletzten Minute, weil sich Chelsea kaum je ein paar Sekunden Ballbesitz verschaffte. Im Gegenteil: Die Blues standen unter Dauerdruck. Das erste Gegentor zeichnete sich regelrecht ab. In der 35. durchbrach Busquets die dichte Kette der Gäste ein erstes Mal. Zwei Angriffswellen später erhöhte Iniesta mit einem präzisen Flachschuss auf 2:0.

Die Dummheit des Captains

John Terry stand zu jenem Zeitpunkt bereits nicht mehr auf dem Platz. Der Captain hatte sich im Frust die Dummheit geleistet, Sanchez das Knie in den Rücken zu rammen. Ausgerechnet der über 70-fache englische Internationale, an der Stamford Bridge seit über einer Dekade ein Symbol für Kampfkraft und Leidenschaft pur, versetzte seine Equipe in Unterzahl.

Speziell im Camp Nou ist ein Platzverweis in der ersten Hälfte in der Regel für jede Mannschaft der Welt eigentlich ein entscheidendes Handicap. In der eigenen Arena pflegt Barcelona die Kontrahenten in regelmässigen Abständen zu überrollen. Ein Torverhältnis von 97:16 hatten sich die Katalanen vor dem Duell mit Chelsea in 27 Heimauftritten erspielt. Ab sofort sind die märchenhaften Zahlen nur noch halb so viel wert.

FC Barcelona - Chelsea 2:2 (2:1)

Camp Nou. - 96 636 Zuschauer (ausverkauft). - SR Cakir (Tür).

Tore: 35. Busquets 1:0. 43. Iniesta 2:0. 45. Ramires 2:1. 91. Torres 2:2.

FC Barcelona: Valdés; Puyol, Piqué (26. Dani Alves), Mascherano; Xavi, Busquets, Iniesta; Cuenca (67. Tello), Messi, Fàbregas (74. Keita); Sanchez.

Chelsea: Cech; Ivanovic, Cahill (12. Bosingwa), Terry, Cole; Mikel, Meireles; Mata (58. Kalou), Lampard, Ramires; Drogba (80. Torres).

Bemerkungen: Barcelona ohne Luiz, Villa (beide verletzt), Abidal (krank). 37. Rot gegen Terry (Tätlichkeit). 49. Messi schiesst Foulpenalty gegen die Latte. 83. Pfostenschuss von Messi.

Verwarnungen: 32. Mikel (Foul), 44. Ramires, 48. Ivanovic (beide Reklamieren, beide gesperrt im Final), 59. Cech (Zeitverzögerung), 71. Messi, 72. Lampard (beide Foul), 89. Meireles (Foul/gesperrt im Final). (si)

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