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Kopierwahn geht weiterChina baut Schweizer Idylle in Tibet

Auf die Schweiz als Reiseland halten die Chinesen grosse Stücke. Darum entsteht in Tibet ein ganzes Bergdorf nach helvetischem Vorbild. Exil-Tibeter sind wenig begeistert.

von
kri

Obwohl die chinesischen Behörden Tibet vor wenigen Wochen abriegelten, haben sie für die Region hochtrabende Pläne: In der südöstlichen Präfektur Nyingchi sollen innerhalb von drei Jahren 22 Touristendörfer aus dem Boden gestampft werden – das erste nach Schweizer Vorbild. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinua erhebt das Projekt gar zur neuen «Visitenkarte» des Tibet-Tourismus. Das Konzept stammt vom US-Immobilienentwickler Leisure Quest International, der auf Planung, Bau und Betrieb von Resort Hotels und Vergnügungsparks spezialisiert ist.

«Wir wollen ein typisches Schweizer Touristendorf bauen», sagte ein lokaler Parteifunktionär der Zeitung «Dongguan Daily». Die Ziele sind hochgesteckt: Das erste Dorf befindet sich bereits im Bau und soll nächstes Jahr fertiggestellt sein. Damit nicht genug: Es soll sich zu einem Wahrzeichen Tibets entwickeln. «Wenn wir heute nach Tibet reisen, denken wir zunächst an Lhasa und an den Potala-Palast», sagte er. Später hoffe er, werden die Touristen ebenso gern ins Schweizer Dorf gehen, das er sogar auf die Titelseite des «National Geographic» bringen will.

«China will von politischen Problemen ablenken»

Dass die Chinesen das Kopierhandwerk verstehen, beweist ein Augenschein im Klon der österreichischen Stadt Hallstatt, die Anfang Juni fertiggestellt wurde. In Shenzhen nahe Hongkong öffnete bereits 2007 ein Themenpark nach dem Vorbild Interlakens seine Tore. Beide haben allerdings das Problem, dass sie im subtropischen Südchina liegen, was keine europäischen Atmosphäre aufkommen lässt. Diesen Makel wird das «Schweizer» Dorf in Tibet nicht haben: Dort herrschen eher alpine als subtropische Bedingungen.

Ohnehin sollen weniger architektonische als vielmehr landschaftliche Aspekte an die Schweiz erinnern: «Die Region wird wegen ihrer wunderschönen Landschaft, ihrer Berge und Flüsse zwar gerne als chinesische Schweiz bezeichnet, doch wir bauen im tibetischen Stil und verwenden lokale Materialien», betont Josh Du von Leisure Quest International auf Anfrage.

Laut Dicky Tethong von der Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft hat der Südosten Tibets tatsächlich grosse Ähnlichkeit mit der Schweiz, trotzdem beurteilt sie die Pläne kritisch: «China will gegen aussen eine Schweizer Idylle vermitteln und damit von den politischen Problemen ablenken», sagt sie gegenüber 20 Minuten Online. Zudem warnt sie vor den Auswirkungen des Tourismus auf die unversehrte Natur, für welche die Region schon heute bei Tibet-Reisenden bekannt und beliebt ist.

Alpine Verhältnisse in Nyingchi, Tibet:

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