Medaillensegen: China im Goldrausch
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MedaillensegenChina im Goldrausch

Gastgeber China räumt an den Olympischen Sommerspielen ab: Nach 41 Entscheidungen haben die Chinesen bereits elf Goldmedaillen auf dem Konto - vier mehr als ihr «Verfolger» aus den Vereinigten Staaten. Ein Zufall?

von
Monika Brand

Olympische Sommerspiele in Peking, Tag vier, 11 Uhr mitteleuropäische Zeit: 41 von 302 Wettkämpfen sind entschieden, die Positionen im Medaillenspiegel sind bezogen - zumindest provisorisch. Gastgeber China schwingt in dieser Statistik obenaus, bereits elf Goldmedaillen konnte man sich sichern. Dazu kommen drei silberne und vier bronzene Auszeichnungen. Im Total hat China zwar bisher drei Medaillen weniger gewonnen als die zweitklassierten USA, doch der Goldsegen wiegt im Medaillenspiegel mehr. Und da haben die Athletinnen und Athleten aus dem Land der Mitte mit elf gegen sieben Auszeichnungen die Nase deutlich vorne.

Kraft, Konzentration und Körperbeherrschung

Schaut man auf die Verteilung der chinesischen Goldmedaillen, fällt etwas auf: China ist besonders in denjenigen Sportarten erfolgreich, die entweder viel Kraft, viel Konzentration oder viel Körperbeherrschung verlangen. Fünf Goldmedaillen fallen unter die Kategorie «Kraft» (vier goldene Auszeichnungen im Gewichtheben, eine im Judo), zwei unter die Kategorie «Konzentration» (beide Schiessen) und vier unter die Kategorie «Körperbeherrschung» (dreimal Turmspringen, einmal Kunstturnen).

Ein Zufall? Wohl kaum. Fleiss und Disziplin werden in China gross geschrieben. Dazu kommen schindende, oftmals fast unmenschliche Trainingsmethoden. Und genau die drei Punkte Kraft, Konzentration und Körperbeherrschung lassen sich damit eisern schleifen.

Nur Gold zählt

Der Druck auf den Schultern der chinesischen Athletinnen und Athleten ist gross. Von allen Seiten her wird Gold erwartet. Die chinesischen Funktionäre hatten sich vor den Sommerspielen 119 Goldmedaillen zum Ziel gesetzt und dafür extra das «Projekt 119» ins Leben gerufen. Für dieses Projekt heuerte man zahlreiche ausländische Trainer an, die den Sportlern das Siegen beibringen sollten. Mehr als 60 Coaches folgten dem Lockruf aus dem Reich der Mitte. Doch auch an sie waren die Erwartungen hoch. Laut der Zeitung «China Daily» hielt rund ein Drittel der Fachkräfte mit ausländischem Pass dem Druck nicht Stand und wurde vorzeitig entlassen.

Die Trainingsmethoden der Chinesen gingen manch einem ausländischen Trainer zu weit. Der Litauer Igor Grinko beispielsweise, dem zu Zeiten des Kalten Krieges der Ruf als gnadenloser Schleifer anhaftete, sollte Chinas Ruderer «goldfit» machen. Sein Motto «Mein Lieblingswort ist Leiden» revidierte der Litauer in China jedoch postwendend. Als ein einheimischer Trainer einer Ruderin gegen die Beine schlug, stellte Grinko klar: «Fasst nie wieder meine Sportler an.»

Getrimmte Sportler

Wer für China an den Sommerspielen Gold gewinnt, ist ein Star. Wer Silber holt, ist nichts. Ob dieses Streben nach der absoluten Perfektion im Wesen der Athletinnen und Athleten liegt, ist zu bezweifeln. Doch sie werden darauf getrimmt. «Meine Aufgabe ist es, hier Gold zu gewinnen - das reicht», sagte beispielsweise Gewichtheberin Chen Yanqing nach dem Gewinn der goldenen Auszeichnung, als ein Journalist sie fragte, warum sie denn nicht noch den Weltrekord anvisiert habe. Dass sie eigentlich bereits dreimal aufhören wollte und zum weitermachen «überredet» wurde, erwähnt die Gewichtheberin nur in einem Nebensatz.

Für die Schwimmerin Lin Zhang hat es nicht zuoberst aufs Podest gereicht. «Ich wollte Gold», gab sie unter Tränen zu Protokoll, als sie über 400 Meter Freistil «nur» Silber holte. Und auch Luftgewehrschützin Li Du zeigte sich ob der silbernen Auszeichnung schwer enttäuscht. «Ich bin vom Druck überrollt worden», erklärte sie nach dem Wettkampf.

Das Ziel von 119 Goldmedaillen haben die chinesischen Offiziellen übrigens unterdessen revidiert. Selbst Optimisten halten es für unrealistisch. Dass China aber auch nach dem Ende der Sommerspiele im Medaillenspiegel von Platz eins grüssen wird, davon kann man bereits heute ausgehen.

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