Aktualisiert 09.08.2011 10:21

Murren im Reich der MitteChina in der Dollar-Falle

Die Chinesen sitzen auf einem Berg von US-Anleihen. Aussteigen ist keine Option: Mit einem Verkauf würden die Wertpapiere erst recht sinken. Die USA und China sind aufeinander angewiesen.

von
Sandro Spaeth
Die USA und China: Die zwei Wirtschaftsmächte sind aufeinander angewiesen.

Die USA und China: Die zwei Wirtschaftsmächte sind aufeinander angewiesen.

«Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem.» Diesen Satz soll in den Siebzigerjahren John Conally, Finanzminister unter US-Präsident Nixon, von sich gegeben haben. Das Bonmot hat für die Chinesen mehr Bedeutung denn je. Sie sitzen auf gigantischen Mengen von US-Dollars und fürchten um deren Wert.

Bereits seit Wochen sendet Peking Giftpfeile gegen die USA. Ein letztes Mal nach der Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit durch die Rating-Agentur Standard & Poor's: «Amerika muss für seine Schuldensucht und das kurzsichtige politische Gezerre bezahlen», liess die regierungstreue chinesische Nachrichtenagentur Xinhua verlauten. Als grösster Gläubiger der USA habe China jedes Recht daran zu verlangen, dass Washington die Schuldenprobleme in den Griff bekomme.

Massive Abhängigkeit

Im Reich der Mitte ist man nicht daran interessiert, dass der Dollar schwach und schwächer wird. Zwei Drittel der chinesischen Währungsreserven lauten auf Dollar, 1150 Milliarden Dollar davon sind in US-Staatsanleihen. «Mit dem sinkenden Dollar schmälert sich auch der Wert von Chinas Währungsreserven», erklärt ZKB-Ökonom und Asienspezialist Beat Schumacher.

Zwischen China und den USA besteht eine massive Abhängigkeit. «China hat gegenüber den USA jährlich grosse Exportüberschüsse, welche die chinesische Zentralbank irgendwo anlegen muss», sagt Schumacher. Zuletzt hätten die Chinesen zwar auch in den japanischen Yen und den australischen Dollar investiert, «doch wegen der Menge ihrer Anlagen kommt Peking am US-Bondmarkt nicht vorbei». Kommt hinzu, dass die Chinesen um ihren Renminbi tief und die Exporte günstig zu halten, sozusagen zum Kauf von immer neuen US-Dollars gezwungen sind.

Die Abhängigkeit besteht aber auch von Seiten der USA: «Peking war bisher Garant für günstige Kredite der USA und hat die US-Schulden mitfinanziert», erklärt Schumacher. Dass die USA zuweilen vor den Chinesen kuschen, zeigt eine Aussage von US-Aussenministerin Hillary Clinton, die Wikileaks letzten Herbst veröffentlichte. «Wie redet man streng mit jemandem, der der eigene Banker ist?»

Missliche Lage für Peking

Obwohl China davon ausgeht, dass es mit dem Dollar längerfristig bergab geht, sind der Regierung die Hände gebunden. Im grossen Stil US-Anleihen verkaufen ist für die Chinesen keine Option: Die Kurse würden erst recht einbrechen und China massive Verluste verzeichnen. Für die USA hätten Verkäufe von US-Treasuries steigende Zinsen zur Folge.

Asienspezialist Schumacher kann sich darum vorstellen, dass die Chinesen in nächster Zeit sogar mehr US-Bonds kaufen, um die amerikanische Wirtschaft zu stützen. «China ist wegen seiner Exporte daran interessiert, dass die US-Wirtschaft läuft.» Die beiden Staaten seien sich quasi ausgeliefert. Der US-Botschafter in Peking, Winston Lord, hatte dafür einst die Bezeichnung «wirtschaftspolitisches Schreckensgleichgewicht» gefunden.

Inflation steigt auf Drei-Jahres-Hoch

Zu den Problemen mit dem schwächelnden Dollar gesellen sich in China auch noch Inflationssorgen. Die Teuerung ist im Juli auf ein 37-Monatshoch gestiegen. Die Teuerungsrate erreichte nach den von der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlichten Zahlen im vergangenen Monat mit 6,5 Prozent den höchsten Wert seit mehr als drei Jahren. Bereits im Juni lag der Wert mit 6,4 Prozent nur knapp darunter. Zu dem Anstieg kam es trotz wiederholter Zinserhöhungen und Hinweisen, dass die Produktion und andere wirtschaftliche Aktivitäten im Juli deutlich zurückgehen sollten.

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