Russischer Invasionskrieg - «China möchte Probleme mit den USA auf jeden Fall verhindern»
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Russischer Invasionskrieg«China möchte Probleme mit den USA auf jeden Fall verhindern»

Kurz vor dem Ukraine-Krieg sicherten sich Russland und China noch eine «unbegrenzte Freundschaft» zu. Doch der Krieg Putins stellt für Peking zunehmend ein Problem dar, sagt der China-Experte Ralph Weber.

von
Michelle Muff
Thomas Obrecht
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«Unbegrenzte Freundschaft» sicherte Chinas Präsident Xi Jinping vor Kriegsbeginn an den Olympischen Spielen Russland zu. Seit Putin den militärischen Angriff auf die Ukraine befohlen hat, übt sich China jedoch in Zurückhaltung.

«Unbegrenzte Freundschaft» sicherte Chinas Präsident Xi Jinping vor Kriegsbeginn an den Olympischen Spielen Russland zu. Seit Putin den militärischen Angriff auf die Ukraine befohlen hat, übt sich China jedoch in Zurückhaltung.

Reuters
«Der Krieg stellt für China ein Problem dar», sagt Ralph Weber, Professor am Europainstitut an der Universität Basel und China-Experte. Nicht zuletzt, da ein schwaches Russland auf globaler Ebene auch China schade, da dadurch der Block gegenüber den USA geschwächt werde.

«Der Krieg stellt für China ein Problem dar», sagt Ralph Weber, Professor am Europainstitut an der Universität Basel und China-Experte. Nicht zuletzt, da ein schwaches Russland auf globaler Ebene auch China schade, da dadurch der Block gegenüber den USA geschwächt werde.

AFP
Peking sei sich jedoch klar, dass eine wirtschaftliche Unterstützung Russlands Probleme mit den USA mit sich bringen würde, sagt Weber. «Das wollen sie auf jeden Fall verhindern.»

Peking sei sich jedoch klar, dass eine wirtschaftliche Unterstützung Russlands Probleme mit den USA mit sich bringen würde, sagt Weber. «Das wollen sie auf jeden Fall verhindern.»

IMAGO/Xinhua

Darum gehts

  • Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine übt sich China in Zurückhaltung. 

  • Gemäss US-Vertretern soll Russland China um Hilfe gebeten haben.

  • Erstmals äusserte sich der chinesische Präsident Xi Jinping am Freitag in einer zweistündigen Videokonferenz mit dem US-Präsidenten Joe Biden zum Krieg.

  • Zwei Sicherheitsforscher ordnen ein, welche Rolle China im russischen Invasionskrieg gegen die Ukraine spielt.

«Unbegrenzte Freundschaft» sicherte Chinas Präsident Xi Jinping vor Kriegsbeginn an den Olympischen Spielen Russland zu. Seit Putin den militärischen Angriff auf die Ukraine befohlen hat, übt sich China jedoch in Zurückhaltung. Als Vertreter der US-Regierung davon berichteten, dass Russland seinen strategischen Partner China um Unterstützung gebeten haben soll, dementierten beide Länder jegliche Zusammenarbeit und sprachen von einer Desinformationskampagne.

Erst als die USA China am Montag im Falle einer Unterstützung Russlands mit «erheblichen Konsequenzen» drohte, teilte der chinesische Botschafter in den USA mit, dass man den Krieg Russlands in der Ukraine nicht unterstütze. Am Freitag sprach der US-Präsident Joe Biden erstmals seit Kriegsbeginn mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Wie aus einem Bericht des chinesischen Staatsfernsehens CCTV hervorgeht, beteuerte Chinas Staatspräsident, sich für «Frieden in der Welt» einsetzen zu wollen. Zum russischen Angriffskrieg sagte Jinping: «Die Krise in der Ukraine ist etwas, das wir nicht sehen wollen.»

Welche Rolle die chinesische Volksrepublik im Ukraine-Krieg einnimmt, bleibt trotzdem weiterhin unklar. China-Experte Ralph Weber und Politikanalyst Alexander Dubowy ordnen die geopolitische Lage ein.

«Probleme mit den USA möchte China auf jeden Fall verhindern»

«Der Krieg stellt für China ein Problem dar», sagt Ralph Weber, Professor am Europainstitut an der Universität Basel und China-Experte. «Innenpolitisch kommt er zu einem dummen Zeitpunkt: Bald findet der 20. Parteikongress statt, an dem Xi Jinping zu einer dritten Amtszeit als Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas gewählt werden soll.» In dieser Situation habe man in Peking vor allem Stabilität gewollt. «Dass die russische Invasion nicht schnell über die Bühne gegangen ist, hat die Lage für China höchst unbequem gemacht», sagt Weber. Nicht zuletzt, da ein schwaches Russland auf globaler Ebene auch China schade, da dadurch der Block gegenüber den USA geschwächt werde.

Peking sei sich jedoch klar, dass eine wirtschaftliche Unterstützung Russlands, Probleme mit der USA mit sich bringen würde, sagt Weber. «Das wollen sie auf jeden Fall verhindern.» Zwar sei der Handel mit der Ukraine sowie mit Russland für China bedeutsam: «Die Ukraine hat Weizen nach China exportiert, bei Russland geht es um Gas, Öl, aber auch Holz.» Noch wichtiger für Xi Jinping sei jedoch der europäische und US-amerikanische Markt, so Weber: «Dieses Handelsvolumen ist um ein Mehrfaches grösser als jenes mit Russland.»

Umgehung der Sanktionen über China möglich

Helfe Peking Putin gar mit militärischen Mitteln, riskiere das Land eine Eskalation mit dem Westen – etwa eine Art Stellvertreterkrieg – und müsse mit einem beträchtlichen Reputationsverlust rechnen, sagt Weber. China sei jedoch eher interessiert, sich als Weltmacht mit dezidierter Friedensliebe zu positionieren: «Man wird vielleicht versuchen, sich irgendwie durchzumogeln, keine klaren öffentlichen Positionen zu beziehen und hinter den Kulissen zu handeln.»

Ist es möglich, dass Russland die westlichen Sanktionen über China umgehen kann? In einem gewissen Masse ja, meint Weber: «Es gibt Rubelreserven in China, die man für Zahlungen nutzen kann. Aber das ist beschränkt: Die Sanktionen führen auch dazu, dass einzelne chinesische Unternehmer das Geschäft mit Russland von sich aus zurücknehmen, da man Zahlungsausstände von russischer Seite befürchtet, aber auch das bestehende Geschäft mit den USA und Europa nicht gefährden möchte.»

Steigende Abhängigkeit Russlands von China

Peking werde die langfristigen Beziehungen zum Westen für Russland nicht in Gefahr bringen, sagt auch Osteuropa-Experte Alexander Dubowy. Daher sei nicht damit zu rechnen, dass China Russland offen unterstützen oder gar militärisch eingreifen werde. «Die Abhängigkeit Russlands von China wird angesichts der internationalen Isolation Moskaus aber erheblich zunehmen», sagt Dubowy.

Mit der vorsichtig distanzierten Haltung gegenüber Moskau werde China zudem versuchen, politisches Kapital im Umgang mit dem Westen zu schlagen, sagt Dubowy. «Etwa, um das Verhältnis mit Washington zu verbessern.» Gerade die USA werden durch den Krieg in der Ukraine eingebunden, was China mehr Handlungsoptionen in der pazifischen Region einräumen werde. «Insgesamt kann Peking also als der grosse Gewinner dieses Krieges betrachtet werden.»

Beschäftigt dich oder jemanden, den du kennst, der Krieg in der Ukraine?

Hier findest du Hilfe für dich und andere:

Fragen und Antworten zum Krieg in der Ukraine (Staatssekretariat für Migration)

Kriegsangst?, Tipps von Pro Juventute

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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