«Der Akku war offen»: China-Uhr verbrennt Arm von Bub (8)
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«Der Akku war offen»China-Uhr verbrennt Arm von Bub (8)

Ein Junge aus Lausanne trug eine Kinder-Smartwatch eines chinesischen Schnäppchen-Portals. Nach sechs Stunden begann diese zu glühen.

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bz/dgr
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«Meine Uhr brennt, meine Uhr brennt», habe ihr Enkel am Montagnachmittag panisch gerufen, sagt Grossmutter M.S.

«Meine Uhr brennt, meine Uhr brennt», habe ihr Enkel am Montagnachmittag panisch gerufen, sagt Grossmutter M.S.

Leser-Reporter
«Er zog sich eine Verbrennung zweiten Grades zu, die wir in der Apotheke zum Glück mit Crèmen gut behandeln lassen konnten», sagt die Grossmutter.

«Er zog sich eine Verbrennung zweiten Grades zu, die wir in der Apotheke zum Glück mit Crèmen gut behandeln lassen konnten», sagt die Grossmutter.

Leser-Reporter
Vor rund drei Wochen hatte S. auf dem lettischen Schnäppchen-Portal Joom.com für rund 15 Franken die Kinder-Smartwatch Shenzhen Sanki Genesis Electronics Q72 gekauft.

Vor rund drei Wochen hatte S. auf dem lettischen Schnäppchen-Portal Joom.com für rund 15 Franken die Kinder-Smartwatch Shenzhen Sanki Genesis Electronics Q72 gekauft.

Schreiend rannte der achtjährige Dario* zu seiner Grossmutter M. S.* «Meine Uhr brennt, meine Uhr brennt», habe ihr Enkel am Montagnachmittag panisch gerufen, sagt S. Sie habe sofort reagiert und ihm die glühend heisse Uhr abgenommen. «Sein Handgelenk war ganz rot und es hatte sich eine grosse Blase gebildet.» Die Uhr habe sich offenbar erhitzt. «Der Akku war offen und kam heraus.»

Dario habe grosse Schmerzen gehabt, sagt die Lausannerin. «Er zog sich eine Verbrennung zweiten Grades zu, die wir in der Apotheke zum Glück mit Crèmen gut behandeln lassen konnten.» Mittlerweile gehe es ihrem Enkel wieder gut. «Aber eine solche Uhr will er im Moment auf keinen Fall mehr haben.»

Smartwatch für 15 Franken

Vor rund drei Wochen hatte S. auf dem lettischen Schnäppchen-Portal Joom.com für rund 15 Franken die Kinder-Smartwatch Shenzhen Sanki Genesis Electronics Q72 gekauft. Das Portal, das China-Produkte zu Schleuderpreisen anbietet, wirbt auf seiner Website mit über 250 Millionen App-Nutzern.

Angeboten wurde die wasserdichte Uhr in verschiedenen Farben. «Mein Sohn sah überall auf Social Media Werbung von Joom.com. Als er dort die Kinder-Smartwatch entdeckte, dachte er, dass sie das perfekte Geschenk für seinen Sohn sei», sagt S. Auch sie hätte nie damit gerechnet, dass diese Kinderuhr gefährlich sein könnte. «Nun wollen wir alle Eltern vor solchen Produkten warnen.»

Darios Vater M. S.* versichert, dass sein Sohn die Uhr nicht unsachgemäss benutzt habe. «Wir lasen mit ihm zuerst die Gebrauchsanleitung durch.» Er habe die Uhr am Montagmorgen angezogen. Um 14 Uhr habe sich diese erhitzt und ihn an der Haut seines Handgelenks verbrannt.

Produktionsfehler als möglicher Grund

Joom bestätigt den Fall. «Nach der Meldung des Kunden zogen wir das Produkt sofort aus dem Verkauf und reichten beim Verkäufer eine Beschwerde ein», sagt Pressesprecherin Daria Nikolaeva. Warum die Uhr kaputt gegangen sei, könnten sie nicht mit Sicherheit sagen. «Möglicherweise ist ein Produktionsfehler verantwortlich. Auch äusserliche Einflüsse kommen infrage.» Auch andere Kunden hätten das Modell bestellt. «Ihren Bewertungen zufolge waren sie mit dem Kauf zufrieden, was den Fall aber nicht verharmlost.» Joom habe eine Untersuchung eingeleitet, um die Ursache abzuklären.

Laut Nikolaeva verkauft Joom keine Produkte, die die Kunden gefährden. «Leider können Fälle wie dieser bei allen Marken, auch bekannten, passieren, wie vorgängige Fälle schon zeigten.» Um solche Probleme zu vermeiden, führten sie bei gewissen Produkten regelmässige Prüfungen durch. Joom bedaure den Vorfall zutiefst. Sie würden ihr Möglichstes tun, um die Ursache zu eruieren und weitere Fälle zu verhindern. Laut Nikolaeva erstattete Joom den Betrag bereits zurück. «Wir sind auch bereit, die medizinischen Kosten des Kunden zu übernehmen.»

«Erst wenn etwas passiert, erfolgt ein Rückruf»

Laut Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, nehmen Fälle mit beschädigten Produkten klar zu, weil auch die Angebote der asiatischen Plattformen stetig wachsen. «Meist werden Spielsachen und Elektronikprodukte beanstandet.»

Für den Konsumenten sei es relativ schwierig, herauszufinden, welche Produkte er bedenkenlos kaufen könne, so Stalder. «Nicht nur in China, sondern auch in der EU oder in der Schweiz werden Produkte oft ohne Prüfung auf den Markt gebracht.» Erst wenn etwas passiere, erfolge ein Rückruf – wenn überhaupt.

Die CE-Kennzeichnung steht laut Stalder zwar für eine gesetzlich konforme Herstellungspraxis, die den Handel über die EU-Grenzen erleichtert. «Es ist aber kein Qualitätszeichen und heisst deshalb nicht, dass die Produkte vor der Markteinführung geprüft worden sind.»

Preis sei kein Indikator für Qualität

Entgegen der gängigen Meinung sei auch der Preis kein guter Indikator für die Qualität eines Produktes, sagt Stalder. «Bei Markenprodukten werden oft hohe Margen auf den Preis geschlagen – das Innenleben und die Qualität eines Produktes unterscheiden sich aber oft nicht von denjenigen von Billigprodukten.»

Auch Babette Sigg Frank, Präsidentin des Schweizerischen Konsumentenforums, sagt: «Wir werden immer wieder und immer öfter mit Fällen von Billigprodukten konfrontiert, die gefährlich für die Gesundheit sind.» Sie raten allen Konsumenten, die Finger von ungeprüften Billigprodukten zu lassen.

*Name geändert

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