Aktualisiert 20.07.2005 14:27

China und Indien drängen nach Öl und Einfluss

Im Streben um geopolitischen Einfluss und Zugang zu den Ölmärkten umwerben China und Indien verstärkt den Iran, den Sudan, Venezuela und Syrien.

Darüber hinaus haben sich Peking und Neu-Delhi in den russischen Öl- und Gassektor eingekauft, und China bemüht sich - offenbar mit Billigung Moskaus - um ölreiche frühere Sowjetrepubliken in Mittelasien, wo die USA Militärstützpunkte haben. Washington reagiert darauf besorgt, die US-Regierung sieht sich auf dem Gebiet der Energie- und Sicherheitspolitik herausgefordert.

Den beiden aufstrebenden asiatischen Mächten wird dadurch seitens der USA bereits deutlich mehr Aufmerksamkeit zuteil. US-Präsident George W. Bush sagte erst Anfang der Woche, das Verhältnis seines Landes zu China sei «eine gute Beziehung, aber es ist eine komplexe Beziehung». Und in Anerkennung der wachsenden Bedeutung Indiens empfing Bush den indischen Ministerpräsidenten Manmohan Singh im Weissen Haus.

Der Nationale Geheimdienstrat der US-Regierung, der unter anderem den Geheimdienst CIA berät, befasste sich in einem in diesem Jahr vorgelegten Bericht mit der Energie-Offensive der beiden asiatischen Staaten. «Das voraussichtliche Auftauchen Chinas und Indiens als neue wichtige Global Player ... wird die geopolitische Landschaft verändern», heisst es in dem Bericht. «Wie Kommentatoren das 20. Jahrhundert als das 'Amerikanische Jahrhundert' bezeichnen, so kann das frühe 21. Jahrhundert als die Zeit gesehen werden, in der einige der Entwicklungsländer, angeführt von Indien und China, sich voll entfalten.» Bis 2020 werde die Energienachfrage der beiden bevölkerungsreichsten Staaten bedeutenden Einfluss auf die geopolitischen Beziehungen haben.

In den früheren Sowjetrepubliken Usbekistan und Kirgisien - wegen ihrer Nähe zu Afghanistan und Irak für die USA sicherheitspolitisch relevant - wird die Notwendigkeit der dortigen US-Militärstützpunkte bereits in Frage gestellt. Das usbekische Aussenministerium erklärte im vergangenen Monat, bei der Genehmigung sei es lediglich um den Sturz des afghanischen Taliban-Regimes gegangen. Und der kirgisische Präsident Kurmanek Bakijew sagte, es sei allmählich Zeit, «über die Notwendigkeit der Präsenz der US-Streitkräfte» zu sprechen. Die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO), ein von China und Russland geführtes Regionalbündnis, rief die USA auf, einen Zeitpunkt für den Abzug ihrer Truppen aus den beiden Staaten zu nennen.

Strategisches Taktieren gehörte schon immer zum Ringen um Macht und Einfluss, und viele Staaten sind dabei nicht zimperlich. Saudi-Arabien beispielsweise, der weltweit grösste Ölproduzent, bleibt für die USA ein wichtiger Partner, obwohl sein Umgang mit den Menschenrechten umstritten ist.

Ein Drittel des Öls wird derzeit noch immer von der Organisation Erdöl exportierender Staaten (OPEC) gefördert. Doch Milliarden Barrel Ölreserven liegen in Ländern, deren Beziehungen zu den USA gespannt sind, und weitere Milliarden befinden sich in Regionen, deren Loyalitäten ungewiss sind. Diese Regionen seien ein «Magnet für öl-hungrige Staaten», sagt Michael Klare, Autor des Buchs «Blut und Öl: Die Gefahren und Konsequenzen der wachsenden Abhängigkeit Amerikas vom Öl».

Iran Nutzniesser der Rivalität

China liegt in der Ölnachfrage hinter den USA an zweiter Stelle, sein Verbrauch wird den Prognosen zufolge in den kommenden 20 Jahren auf 21 Millionen Barrel täglich steigen - so viel, wie Amerika heute verbraucht. Der Verbrauch Indiens wird sich im selben Zeitraum auf täglich 5,3 Millionen Barrel verdoppeln. Autor Klare sagt, die chinesische Besorgnis über die amerikanische Vorherrschaft im Persischen Golf habe die Bemühungen Pekings beschleunigt, sich nach Ölförderrechten anderswo umzusehen. Darüber hinaus hat die US-Präsenz im ölreichen Irak chinesische Versuche, sich dort einen Brückenkopf zu schaffen, zunichte gemacht.

China stieg mit Beteiligungen und Grossinvestitionen unter anderem in Ölförderanlagen im Iran, im Sudan und in Kasachstan ein. Indien will iranisches Gas über eine Pipeline durch Pakistan einführen und plant darüber hinaus Projekte in Syrien und Birma. Peking und Neu-Delhi sind ferner an einer Ölförderung in Venezuela interessiert, dessen Präsident Hugo Chavez ein scharfer Kritiker der USA ist.

Nutzniesser der Rivalität ist neben anderen Iran, dessen Atomprogramm von Washington scharf kritisiert wird. China hat bereits angedeutet, dass es Versuche der USA, wegen des Streits um das Atomprogramm Sanktionen gegen Iran zu verhängen, im Sicherheitsrat blockieren werde. Gary Sick, ein Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats unter dem früheren US-Präsidenten Jimmy Carter, sagt, Sanktionen gegen Iran bedeuteten effektiv, ein Embargo gegen iranisches Öl zu verhängen. «Dass die Chinesen eine Resolution billigen, die iranisches Öl mit Sanktionen belegt - ich sehe nicht, dass das passiert.»

(dapd)

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