Wikileaks-Enthüllungen: China zur Vereinigung Koreas bereit
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Wikileaks-EnthüllungenChina zur Vereinigung Koreas bereit

China hat weit weniger Einfluss auf Nordkorea als bislang angenommen. Hohe Beamte in Peking sehen im Nachbarstaat gar ein «verzogenes Kind».

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mlu/pbl

Nordkorea droht, testet Atombomben, beschiesst südkoreanische Inseln. Während der Grossteil der Welt empört und harsch reagiert, gibt sich China meist gelassen. Peking kritisiert das stalinistische Regime höchstens sanft – wenn überhaupt. Doch hinter der Fassade scheint die Unterstützung für Pjöngjang zu bröckeln.

Laut Dokumenten aus den neusten Wikileaks-Enthüllungen halten junge Mitglieder der Kommunistischen Partei Chinas ihren Bündnispartner Nordkorea für unzuverlässig. So zumindest habe es der damalige südkoreanische Vizeaussenminister Chun Yong Wu im Februar 2010 in Seoul der US-Botschafterin Kathleen Stephens erzählt.

China fürchtet Kollaps

Chun sagte laut dem «Guardian» auch, dass chinesische Beamte der Meinung seien, eine Wiedervereinigung mit dem Süden sei der aussichtsreichste Weg für das von Hungersnöten und Armut geplagte Nachbarland. Die Führung in einem vereinigten Korea solle demnach der Süden übernehmen. Chun sagte voraus, die Regierung in Pjöngjang werde nach dem Tod des erkrankten Staatschefs Kim Jong Il wohl innerhalb von drei Jahren zusammenbrechen.

China wolle zwar den Status quo erhalten, habe aber kaum Möglichkeiten, einen Zusammenbruch zu verhindern. Peking verfüge über weit weniger Einfluss auf Pjöngjang als allgemein angenommen. Chun rechnete nicht damit, dass China militärisch eingreifen würde, sollte es in Nordkorea zum Chaos kommen. In den diplomatischen Kabeln wird allerdings gewarnt, China werde keine amerikanischen Truppen nördlich der entmilitarisierten Zone, die derzeit die Grenze zwischen Nord- und Südkorea markiert, hinnehmen.

In den Memoranden hiess es, China bereite sich auf Unruhen entlang der Grenze vor, sollte das nordkoreanische Regime zusammenbrechen. Chinesische Regierungsvertreter werden mit den Worten zitiert, man könne bis zu 300 000 Flüchtlinge aufnehmen, müsse aber möglicherweise die Grenze schliessen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten.

«Ein verzogenes Kind»

Ein weiteres Indiz für diese Haltung geht laut «Guardian» aus einem Gespräch hervor, dass der US-Botschafter in Kasachstan, Richard Hoagland, mit seinem Amtskollegen aus China führte. Peking hoffe längerfristig auf eine friedliche Vereinigung der beiden Koreas, sagte demnach der chinesische Botschafter Cheng Guoping. Kurzfristig gehe man aber davon aus, dass die beiden Länder getrennte Wege gehen werden. Cheng benutzte dabei deutliche Worte: Nordkoreas Atomprogramm sei eine Gefahr für die Weltsicherheit.

Klare Worte benutzte auch Ha Yafei, der damalige Vizeaussenminister Chinas, im April 2009 bei einem Treffen mit einem Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft. Er nannte Nordkorea laut einem weiteren Bericht ein «verzogenes Kind», das Aufmerksamkeit von den Erwachsenen wolle. In diesem Fall die Aufmerksamkeit der Vereinigten Staaten, mit denen Pjöngjang direkte bilaterale Gespräche führen wolle.

Peking reagierte zurückhaltend auf die Veröffentlichung der Berichte durch Wikileaks. Die Regierung habe den Vorfall zur Kenntnis genommen, sagte ein Sprecher des Aussenministeriums am Dienstag. Er forderte die USA auf, die damit aufgeworfenen Fragen angemessen zu klären. (mlu/pbl/dapd)

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