Scherbenhaufen: Chinas Nordkorea-Politik ist gescheitert
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ScherbenhaufenChinas Nordkorea-Politik ist gescheitert

Nordkorea setzt sein gutes Verhältnis zu China aufs Spiel. Der dritte Atomtest hat nicht nur weltweit für Empörung gesorgt. Auch der grosse Nachbar reagiert mit harscher Kritik.

von
Christopher Bodeen
AP

Lange hat Peking das marode kommunistische Nachbarland unterstützt. Doch das innige Verhältnis zu Nordkorea ist mittlerweile abgekühlt - nicht nur wegen der jüngsten Atom- und Raketentests.

Nordkorea hat die Geduld des kommunistischen Nachbarn und Verbündeten China in den vergangenen Monaten schon mehrfach auf die Probe gestellt - der Atomtest vom Dienstag wird die Situation weiter verschärfen. Bereits im Dezember hatte Peking sein wachsendes Missfallen über die nordkoreanische Führung deutlich gemacht. Damals stimmte China nach einem Raketentest einer Verschärfung der UN-Sanktionen zu - ein harter Schritt, der Beobachter überraschte und scharfe Kritik aus Pjöngjang erntete.

Nordkorea bestätigte am Dienstag den Atomtest, nachdem chinesische Bewohner im Grenzgebiet berichtet hatten, dass die Erde rund eine Minute gebebt habe. Die chinesische Regierung verurteilte den Test daraufhin scharf. Beobachter erwarten zwar nicht, dass es zum jetzigen Zeitpunkt zum Bruch mit Nordkorea kommt. Doch China scheint die Beziehungen ein Jahr nach dem Amtsantritt von Staatschef Kim Jong-Un in Pjöngjang neu auszurichten. Dabei stellt sich die Frage, wie lange man unter dem neuen chinesischen Führer Xi Jinping Nordkoreas irritierende Politik weiter unterstützt.

«China wurde sehr enttäuscht»

«Vielleicht denkt Kim Jong-Un, dass Xi Jinping ihn verhätscheln wird. Vielleicht wird er dabei eine Überraschung erleben», sagt Richard Bush, Direktor des Zentrums für Nordostasien-Politik am Brookings Institut in Washington.

China fühlt sich zurückgewiesen von Kim. Obwohl man seinen Amtsantritt nach dem Tod seines Vaters im Dezember 2011 freundlich begrüsste und die Hilfslieferungen und Investitionen aufrechthielt, ignorierte Kim das chinesische Interesse an einer stabilen Nachbarschaft. Ganz im Gegenteil: Mit zwei Raketentests provozierte Pjöngjang eine Verschärfung der UN-Sanktionen - und als Protest gegen die Sanktionen kündigte man einen Atomtest an, der nun am Dienstag stattfand.

Nordkorea habe die anfängliche Unterstützung Chinas für selbstverständlich genommen, erklärt Jin Canrong, ein Experte für internationale Politik an der Pekinger Renmin-Universität. «China hat versucht, näher an Nordkorea heranzurücken. Aber man war damit nicht erfolgreich. China wurde sehr enttäuscht.»

Noch sieht Peking Nordkorea als wichtigen Puffer zu den US-Truppen, die in Südkorea und Japan stationiert sind. Ausserdem herrscht die Sorge, dass ein Zusammenbruch des Regimes in Pjöngjang Massen von Flüchtlingen nach China treiben würde. Deswegen wird China wohl weiter an Nordkorea festhalten, allerdings auch darauf dringen, dass das Land seine nuklearen Provokationen einstellt und seine marode Wirtschaft reformiert.

Am Grenzfluss Yalu sind die Probleme, die die beiden Nachbarn miteinander haben, besonders anschaulich. Während des Koreakriegs von 1950 bis 1953 überquerten chinesische Truppen hier die Grenze, um die nordkoreanische Armee vor dem Untergang zu bewahren.

Lastwagen mit Hilfsgütern stauen sich an der Grenze

In der vergangenen Woche stauten sich in der nordostchinesischen Grenzstadt Dandong Dutzende Lastwagen - beladen mit Reissäcken, Speiseöl, billiger Elektronik und anderen Gütern für das tägliche Leben, die die darniederliegende nordkoreanische Industrie nicht ausreichend erzeugen kann, um damit ein Volk von 24 Millionen Menschen zu versorgen.

Etwas weiter südlich befindet sich auf nordkoreanischer Seite auf einigen Inseln im Yalu eine Industriezone - allerdings nur auf dem Papier. Denn 18 Monate nach der Eröffnung wuchert um die leeren und halb fertiggestellten Gebäude Gestrüpp, und der Schnee auf den Strassen und Wegen ist unberührt.

«Hier passiert nichts. Nordkorea ist gut darin, chinesische Hilfe anzunehmen und ein bisschen Handel zu betreiben. Aber das Wirtschaftssystem ändert sich nicht», beklagt ein Händler aus Dandong, der Geschäftsbeziehungen mit Nordkorea unterhält, und nur seinen Vornamen Qu verrät.

Pjöngjang verweigert Sechs-Parteien-Gespräche

So bleibt der neue Zaun das hervorstechende Kennzeichen entlang der Grenze. Rollen von Stacheldraht schliessen das obere Ende ab, an manchen Stellen ist der Zaun sogar doppelt, so dass im Zwischenraum Wachen patrouillieren können. Eine stählerne Barriere, um das Chaos fernzuhalten, ein Symbol für Chinas Angst, dass das Nachbarland zusammenbricht.

Wie viel Einfluss China auf Nordkorea hat, ist unklar. Trotz der Bitten aus Peking weigerte sich Pjöngjang, zu den Sechs-Parteien-Gesprächen über nukleare Entwaffnung zurückzukehren.

Als Ausdruck für Chinas zunehmenden Groll kritisierte das Aussenministerium kürzlich in ungewöhnlich deutlichen Worten die nordkoreanischen Rüstungsausgaben. «Wir möchten das betreffende Land nachdrücklich ermutigen, die Wirtschaft zu entwickeln und die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern», erklärte Ministeriumssprecher Hong Lei.

Warnung fand kein Gehör

Chinesische Medien verbreiteten Kommentare mit dem Tenor, dass die Interessen des eigenen Landes nicht dauerhaft über das Bedürfnis nach einem stabilen Nordkorea gestellt werden müssten. So schrieb die Tageszeitung «Global Times» kürzlich: «Sollte Nordkorea das gute Zureden ignorieren und am Ende doch einen dritten Atombombentest durchführen, muss es dafür einen hohen Preis bezahlen. Die verschiedenen Hilfen aus China würden aus gutem Grund reduziert. Wir hoffen, dass die chinesische Regierung Nordkorea vorher warnt, damit man sich dort nicht anderen Fantasien hingibt.»

Doch die warnenden Stimmen aus China haben in Pjöngjang offenbar kein Gehör gefunden.

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