Aktualisiert 05.11.2011 12:40

Geheimdienst behauptetChinas Spione bringen USA um Milliarden

In einem Bericht bezichtigen die USA China und Russland der digitalen Wirtschafts- und Industriespionage. Der so entstandene Schaden belaufe sich auf mehrere hundert Milliarden Dollar.

von
ske
Früher mussten Dokumente kopiert werden. Heute reicht oft ein USB-Stick, um Daten zu klauen.

Früher mussten Dokumente kopiert werden. Heute reicht oft ein USB-Stick, um Daten zu klauen.

Laut Geheimdienstberichten sind die USA enormer digitaler Wirtschafts- und Industriespionage ausgesetzt. Dahinter sollen in erster Linie Russland und China stecken. In diesen Ländern gehört Internet-Spionage zum ganz normalen politischen Programm, zitiert die «New York Times» einen Bericht. China und Russland würden so versuchen, ihre eigene wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Neben Konzern-Netzwerken würden auch Computernetzwerke von Regierungen und Universitäten angegriffen.

Wie dramatisch die Autoren die Situation einschätzen, symbolisiert bereits das Titelbild des Berichts. Eine Ölpumpe ist zu sehen, ein Schild der Wall Street, chinesische Geldscheine und eine Hand, die einen USB-Stick in der Hand hält. Der Titel «Ausländische Spione stehlen amerikanische Wirtschaftsgeheimnisse im Cyberspace» macht schliesslich jedem klar: Die Lage ist ernst.

Wichtigste Akteure in Internet-Spionage

Verschiedenste US-Regierungsvertreter hatten bereits früher angedeutet, dass China und Russland zu den Hauptverdächtigen in Sachen Internet-Spionage gehören. Die Täter klar zu bestimmen war aber immer schwierig gewesen. Deshalb hat der US-Kongress der US-Behörde für Gegenspionage – dem Office of the National Counterintelligence Executive – den Auftrag erteilt, diesen Bericht zu erarbeiten und herauszugeben.

Im Bericht geht es um digitale Wirtschafts- und Industriespionage in den USA in den Jahren 2009 bis 2011. Zwar seien auch den USA freundlich gesinnte Länder involviert – darunter Israel und Frankreich – wichtigste Akteure in der Internet-Spionage seien aber China und Russland. Der Bericht versucht dies mit mehreren Beispielen zu unterlegen. So nennt er den Hackerangriff aus China auf Google im Jahr 2010. Mehreren US-Unternehmen seien zudem Firmendaten gestohlen worden – betroffen seien vor allem Konzerne gewesen, die mit China Geschäfte machen.

China bestreitet Internet-Spionage

«Chinesische Akteure sind die weltweit aktivsten und hartnäckigsten Täter in Wirtschaftsspionage», zitiert die «New York Times» aus dem Bericht. Über Russland heisst es: «Der russische Geheimdienst führt einige Aktivitäten aus, um ökonomische Informationen und Technologien von US-Zielen zu sammeln.» «Die Russen sind sehr ruhig und sehr gut», sagt Joel F. Brenner, der früher bei der nationalen Spionageabwehr gearbeitet hatte in seinem Buch «America the Vulnerable». «Aber die Unbarmherzigkeit und das schiere Volumen – da sind die Chinesen eine eigene Klasse.» Die Regierungen in Peking und Moskau und ihre Geheimdienste schliessen laut Bericht Verträge mit unabhängigen Hackern ab, um die Verantwortung für die Angriffe zu verhüllen sowie von deren technologischem Wissen zu profitieren. Ziel der Angriffe sind die Bereiche Informations- und Kommunikationstechnologie, natürliche Ressourcen, saubere Energie, Medikamente, Militär aber auch Luft- und Raumfahrt-Technologien.

Offiziell stellt sich China gegen Internet-Spionage. Während einer Pressekonferenz in Peking, im vergangenen Juli sagte Hong Lei, Sprecher des Aussenministeriums: «Die chinesische Regierung lehnt Hacken in jeder Form ab.» Und auch der chinesische Botschaftssprecher Wang Baodang wies die Anschuldigungen sofort zurück und sagte laut «Washington Post», dass China gegen «jegliche Form von unrechtmässiger Cyberspace-Aktivitäten» sei. Der Sprecher der russischen Botschaft wollte zu dem Bericht gegenüber dem Blatt keine Stellung nehmen.

Grosse Verluste möglich

Die zunehmende Nutzung des Cyberspace in der Wirtschaft und in der Forschung birgt zahlreiche Gefahren. Bedroht seien dadurch Wohlstand und Sicherheit, denn Insider und ausländische Geheimdienste können so deutlich schneller und unauffälliger gewaltige Datenmengen abschöpfen. Das verursache einen grossen Schaden. Spione müssten nicht mehr mühselig Geheimunterlagen kopieren und diese dann unter grossem Aufwand aus dem Unternehmen schmuggeln, schreibt der «Spiegel». Heute reiche ein korrupter Mitarbeiter, der an ausreichend Informationen herankomme und ein USB-Stick.

Fehlende Sicherheit könne einen sehr grossen Schaden verursachen. Wie gross dieser tatsächlich ist, ist nicht erhoben. Schätzungen belaufen sich auf einen Betrag zwischen 200 und 400 Milliarden. 2008 hätten US-Firmen, Universitäten und Organisationen zum Beispiel 398 Milliarden Euro in die Forschung und Entwicklung neuer Technologien investiert, heisst es in dem Bericht. Diese Investitionen seien durch Cyberspione gefährdet.

Mehr Sicherheitsbewusstsein bei Firmen

Die Situation wäre weitaus weniger dramatisch, wenn in den Firmen das Sicherheitsbewusstsein stärker ausgeprägt wäre. Tatsächlich seien aber viel zu wenige Top-Manager in die Planung der Netzwerk-Sicherheit involviert. Ausserdem würden entdeckte Cyberangriffe häufig nicht thematisiert, damit keine Kunden verschreckt werden und man als angreifbar gilt. US-Präsident Barack Obama will dies nun offenbar ändern. Laut «Spiegel» hat die Regierung einen Gesetzesentwurf herausgegeben, wonach Hackerangriffe künftig zu melden seien. Ausserdem bekommen Firmen Tipps, wie sie sich besser schützen können.

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