Deutsche Autos: Chinesen retten Audi, Mercedes und Co.
Aktualisiert

Deutsche AutosChinesen retten Audi, Mercedes und Co.

Die Krise der deutschen Autoindustrie ist überwunden – dank China. Luxus-Limousinen finden reissenden Absatz. Das freut auch die Schweizer Zulieferer.

von
Othmar Bamert
Sonderschichten für China: Im Daimler-Werk Untertürkheim laufen die Montagebänder sechs Tage in der Woche.

Sonderschichten für China: Im Daimler-Werk Untertürkheim laufen die Montagebänder sechs Tage in der Woche.

Die Genesung scheint an ein Wunder zu grenzen. Noch vor einem halben Jahr lag die deutsche Autoindustrie darnieder, hing am Tropf der Abwrackprämie, schickte Legionen von Arbeitern in die Kurzarbeit und rief nach dem Staat. Und jetzt? Opel pfeift auf das mühsam erbettelte Staatsgeld. Die deutschen Premium-Hersteller erleben gar einen phänomenalen Aufschwung: Die Nachfrage nach hochpreisigen Modellen von Mercedes, Audi und BMW explodiert geradezu. Die Mercedes S-Klasse verkaufte sich im Mai 41 Prozent besser als im Vormonat, beim 7-er BMW sind es 34 Prozent.

«Noch nie hat sich die Lage in einem so atemberaubenden Tempo zum Besseren gewendet», zitiert die «Frankfurter Allgemeine SonntagsZeitung» ein Aufsichtsratsmitglied von Daimler. Die Werke seien voll ausgelastet, sogar in der Nutzfahrzeugsparte. Statt Kurzarbeit laufen nun auch am Samstag die Bänder heiss.

Die Chinesen wollens länger und teurer

Grund für den sagenhaften Absatz der deutschen Luxuslimousinen: Die wiedererwachende Nachfrage in den USA und – vor allem – der chinesische Prestige-Hunger. Denn die Zahl der chinesischen Millionäre wächst täglich. Und unter denen ist, wers vermag, mit Chauffeur unterwegs. Für die langen Flaggschiffe der deutschen Autobauer, wie Audi A8, Mercedes S-Klasse und den 7er-BMW ist China bereits der wichtigste Markt.

Das freut sowohl Arbeitsmarkt als auch Börse in Deutschland. Laut Medienberichten haben die Autobauer rund 10 000 Arbeitskräfte eingestellt, wenn auch mehrheitlich Temporärarbeiter. Was die Investoren anlockt: So hat sich der Wert der Daimler-Aktie innerhalb eines Jahres glatt verdoppelt.

Balsam für die geschundenen Schweizer Zulieferer

Für die Schweizer Automobilzulieferer kommt das deutsche Exportwunder wie gerufen. Die Zulieferer Rieter, Komax und Georg Fischer schauen auf ein rabenschwarzes Geschäftsjahr 2009 zurück. Obwohl es noch zu früh für euphorische Gefühle ist: Die krisengeplagten Schweizer Firmen spüren den Sog aus dem Osten bereits im Ansatz. Peter Grädel, Kommunikationschef von Maschinenhersteller Rieter: «Insgesamt ist eine Belebung gegenüber dem Vorjahr spürbar». Bei Investitionsgüterherstellern wie Rieter zeigt sich ein Nachfrageboom erst mit Verzögerung in der Erfolgsrechnung.

Auch bei Huber + Suhner in Herisau lässt die Dynamik des Ostens aufhorchen. Das Unternehmen stellt Hochleistungskabel und elektronische Komponenten, etwa für Navigationssysteme, her. Konzernsprecher Bernd Niedermann: «Die Mobilität wird elektrischer, da wollen wir unbedingt dabei sein». Eine Riesenchance. Denn die automobile Elektrifizierung, das ist der Wachstumsmarkt im Wachstumsmarkt China. Ferdinand Dudenhöffer, Professor an der Universität Duisburg, bezeichnet China bereits jetzt als «kommendes Musterland für Hybride und Elektroautos».

Es kommt noch dicker

Der deutsche Blitzstart könnte erst die Initialzündung gewesen sein für das, was der Autoindustrie aus dem Reich der Mitte noch blüht: Ferdinand Dudenhöffer sieht in China noch grosses Wachstumspotential. Auf 1000 Chinesen kommen heute 21 Autos, auf 1000 Westeuropäer 510, das sind 25-mal mehr – noch. Denn der Autoabsatz stieg in China zwischen 2000 und 2009 von 614 000 auf über 9 Millionen Fahrzeuge. Und im gleichen Stil geht es zurzeit weiter: In den ersten fünf Monaten wurden 2010 bereits fast 5 Millionen Autos verkauft – ein Zuwachs von 56 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Der deutschen Exportrakete weiteren Schub verleiht die jüngste Entwicklung in der chinesischen Währungspolitik. Bisher hatte die chinesische Regierung den Yuan künstlich tief gehalten, um die chinesischen Exportwirtschaft zu stützen. Am Wochenende stellte China eine schrittweise Flexibilisierung in Aussicht. Klettert der chinesische Yuan in die Höhe, nimmt auch die Kaufkraft der Chinesen auf dem Weltmarkt zu.

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