Aktualisiert 06.09.2007 18:37

Chinesen turnen in einer andern Liga

Die chinesischen Kunstturner meldeten an den WM in Stuttgart auf eindrückliche Weise ihre Option auf olympisches Gold in Peking an. Überlegen errangen sie vor Japan ihren 8. WM-Titel. Gastgeber Deutschland erkämpfte sensationell die Bronzemedaille.

Die Chinesen turnten in einer anderen Liga. Mit 4,875 Punkten Vorsprung verwiesen sie Japan auf den Ehrenplatz. So überlegen hat seit den Sechzigerjahren, als die Japaner im Turnsport das Mass aller Dinge waren, keine Mannschaft mehr gewonnen.

In vier von sechs Disziplinen erzielten die Chinesen die höchsten Werte. Nur im Pferdsprung mussten sie den Rumänen (trotz der Absenz des mehrfachen Weltmeisters und Olympiasiegers Marian Dragulescu) den Vortritt lassen. Eigenartigerweise tun sie sich auch in der «Königsdisziplin» Reck schwer. Dort waren die Deutschen (trotz eines Sturzes von Philipp Boy) und die Japaner besser.

Erstmals seit 1995 gingen Gold und Silber an asiatische Turner. Wenig fehlte, und auf dem Podest wären lauter Asiaten gestanden. Die Südkoreaner, denen das Schweizer Team bei der WM-Hauptprobe in Maienfeld noch eine Unentschieden abgerungen hatten, patzerten aber am Reck und (wie in Maienfeld) an den Ringen, was sie vom 3. auf den 5. Platz zurückwarf.

Deutsches «Turnwunder»

Die Deutschen nutzten (mit 7500 begeisterten Zuschauern im Rücken) die Gunst der Stunde und zogen dank «Zugpferd» Fabian Hambüchen auch noch an den USA (1,25 Punkte zurück) vorbei. Bei der letzten Olympia-Qualifikation 2003 in Anaheim hatten sie sich noch mit den Schweizern um den 12. Rang gebalgt und sich nur mit ein paar Zehntelpunkten Vorsprung nach Athen geschmuggelt.

Mittlerweile sind die Deutschen zu einem homogenen Team gereift und haben in Hambüchen eine Leaderfigur gefunden, die den Unterschied ausmacht. «So einer wie Hambüchen fehlt uns», sagt Ruedi Hediger, der Ausbildungschef des STV, «auch wenn wir mit Claudio Capelli und Niki Böschenstein ebenfalls zwei haben, die nahe an der Weltklasse sind.» Die Deutschen hätten sich laut Hediger seit der letzten Olympiade «bewegt und zu einer Einheit zusammengerauft».

Von den Schweizern gelernt

Hediger vermerkt nicht ohne Stolz, die Deutschen hätten sogar den Schweizern einiges abgeschaut: «Sie kopierten von uns die Zentralisierung und konzentrieren sich auf nur noch zwei Stützpunkte.» Dazu hätte ein Trainerwechsel positive Impulse gebracht.

Das soll kein verdeckter Hinweis auf allfällige Mutationen im Schweizer Trainer-Kader sein: «Bei uns ist gut gearbeitet worden. Wir stellten in Stuttgart ein junges Team, dem aber noch die Erfahrung abging.» Mit Blick auf die EM 2008 in Lausanne traut Hediger dieser Equipe «einen guten Platz» zu: «Ich hoffe, dass danach in Lausanne auch das Publikum so mitzieht wie die Deutschen in Stuttgart.»

Comeback von Veteran Huang Xu (28)

Wie wichtig die Erfahrung ist, illustrieren selbst die übermächtigen Chinesen. Für die WM in Stuttgart (und Olympia 2008) holten sie den 28-jährigen Huang Xu zurück. Der stand schon 1997 bei den WM in Lausanne im chinesischen Weltmeister-Team, danach auch in den Gold-Riegen von 1999 und 2003 sowie in jener Mannschaft, die 2000 in Sydney erstmals die olympische Goldmedaille errang. Nach dem missglückten Olympia-Auftritt 2004 in Athen (nur 5. Rang) wurde er ausgemustert.

In Stuttgart war Huang Xu der einzige «Neuling» in der WM-Riege, die den Titel von 2006 in Aarhus erfolgreich verteidigte. Für ihn kippte Jeng Fing, der 2001 als 16-Jähriger jüngster Mehrkampf- Weltmeister aller Zeiten geworden ist, aus dem Team. Auch Yang Wei, den Mehrkampf-Weltmeister von Aarhus 2006 und ebenfalls bald 28- jährig, ist nunmehr vierfacher Mannschafts-Weltmeister, für Xiao Qin bedeutete Stuttgart der 3. WM-Titel. (si)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.