Aktualisiert 15.12.2010 17:23

BrauchtumChläuse jagen und Beine zwicken

Die meisten alten Schweizer Bräuche werden in der Winterzeit gepflegt. Wir befragten einen Kenner zum Stand der Traditionen und stellen die kurligsten Rituale vor.

von
Joel Bedetti

In der Schweiz ist Winterzeit Brauchzeit. Wenn die Tage dunkler werden und der erste Schnee fällt, erwachen alte Mythen zum Leben: Junge Burschen verkleiden sich als Fabelwesen, jagen Chläuse oder setzen sich riesige Zylinder auf die Köpfe.

Der Schriftsteller Fritz von Gunten hat für sein Buch «O du fröhliche – Prosit Neujahr» über 200 Winterbräuche in der ganzen Schweiz besucht. 20 Minuten Online befragte ihn zum hiesigen Winterbrauchtum.

20 Minuten Online: Herr von Gunten, wieso finden so viele Bräuche im Winter statt?

Fritz von Gunten: Die meisten Bräuche haben eine gemeinsame Wurzel: Das heidnische Sonnenwendfest, das in vorchristlicher Zeit gefeiert wurde. Die Bräuche zeugen von der Angst der Menschen von damals, denn die dunklen Tage und die Kälte des Winters erinnern an einen Weltuntergang. Andererseits glimmt aber auch die Hoffnung weiter, dass es Frühling wird. Deshalb vertreibt man die Wintergeister. Dies sind die Triebfedern dieser Bräuche.

Wieso haben sie so lange überlebt?

Diese Bräuche haben so lange überlebt, weil die Kirche sie trotz ihres heidnischen Ursprungs nicht verbot – es war eine Konzession an den alten Glauben, sonst wären die Leute nicht bereit gewesen, zum Christentum überzutreten. Teilweise wurden die Bräuche dann mit christlichen Symbolen ergänzt. So vermischten sich die Religionen, und so lebt auch Heidnisches in christlichen Traditionen weiter.

Werden die Bräuche auch noch in zehn Jahren bestehen?

Heute ist das Brauchtum lebendig. Lebendiger als noch vor zehn Jahren – damals war die alte Volkskultur gefährdet. Heute blüht sie wieder auf – gerade auch unter den Jungen. Beim Chlausjagen in Küssnacht machen ganze Schulklassen mit, beim Nünichlingen wetteifern die jungen Männer untereinander, wer einen höheren Zylinderhut basteln kann.

Wie haben sich die Rituale verändert?

Wo ich war, bemühte man sich, die Bräuche nach herkömmlichem Muster durchzuführen. Was auch heisst, dass mit Ausnahmen die Umzüge meistens eine reine Männerangelegenheit sind. Was man aber spürt, ist eine Kommerzialisierung der Tradition. Es beginnt mit den Weihnachtsmärkten, welche in den vergangenen Jahren in Städten einen Boom erfuhren, und hört auf mit Glühwein-, Marroni- und Bratwurstständen, welche mittlerweile auch bei kleineren Umzügen stehen.

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