Aktualisiert 15.02.2011 10:05

Erzwungener SchuldspruchChodorkowski-Urteil ist eine «Farce»

Das Urteil gegen den russischen Kremlkritiker und Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski ist dem zuständigen Richter aufgezwungen worden. Dies behauptet eine Mitarbeiterin.

von
pbl

Richter Viktor Danilkin habe gegen seinen Willen eine nicht von ihm verfasste Entscheidung verlesen, erklärte Natalja Wasiljewa in einem am Montag veröffentlichten Interview. Danilkin hatte Chodorkowski im Dezember wegen Geldwäsche und Betrugs schuldig gesprochen und wie von der Staatsanwaltschaft gefordert zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt.

Das Urteil sei dem Richter vorgelegt worden, als klar geworden sei, dass dessen eigene Entscheidung den hinter dem politisch motivierten Fall stehenden Personen nicht genehm gewesen wäre, erklärte Wasiljewa. Der Richter «hat ein anderes Urteil erhalten, das er verlesen musste», sagte die Gerichtssprecherin. Das Interview wurde vom Kabelsender Doschd ausgestrahlt und auf der Website Gazeta.ru veröffentlicht.

Putin gilt als treibende Kraft

Danilkin warf Wasiljewa in einer Erklärung am Montag Verleumdung vor. Als treibende Kraft hinter dem Prozess gegen Chodorkowski gilt der russische Ministerpräsident Wladimir Putin. Er hatte den früheren Oligarchen kurz vor Bekanntgabe des Urteils als Dieb bezeichnet und sich für eine weitere Haftstrafe ausgesprochen.

Richter Danilkin hatte während des 20-monatigen Verfahrens einen objektiven Eindruck gemacht und oft gemeinsam mit der Verteidigung und den Schaulustigen im Saal über Patzer der Staatsanwaltschaft gelacht. Bei der Verlesung des Urteils, die vier Tage dauerte, hob er dagegen kaum den Kopf und sprach mit schneller Stimme. Chodorkowskis Mutter hatte damals erklärt, der Richter müsse «gefoltert» worden sein, um sich so zu verhalten.

Angeblich Treffen mit «wichtiger Person»

Nach Angaben der Verteidigung bestand ein Grossteil des Urteils aus der Anklage und der abschliessenden Argumentation der Staatsanwaltschaft. Chodorkowskis Anwalt Wadim Kljuwgant hatte erklärt, der Richter sei lediglich nominell der Autor gewesen. Eine Sprecherin des Moskauer Stadtgerichts wies die Vorwürfe, das Urteil stamme nicht von Danilkin, zurück.

Sprecherin Wasiljewa zufolge hatte das Moskauer Stadtgericht dagegen bereits während des Verfahrens Anweisungen gegeben und letztlich das Urteil verfasst. Richter Danilkin sei am 25. Dezember einbestellt worden, um eine «wichtige Person» zu treffen und eine «klare Darlegung» zu erhalten, wie sein Urteil aussehen solle, sagte Wasiljewa dem Interview zufolge. Nach seiner Rückkehr von dem Termin habe Danilkin sehr angespannt ausgesehen. Inzwischen habe sich der Richter zurückgezogen und wirke zutiefst deprimiert. (pbl/dapd)

Chodorkowski-Film uraufgeführt

Die mit Spannung erwartete Dokumentation «Khodorkovsky» ist am Montag auf der Berlinale uraufgeführt worden. Der deutsche Filmemacher Cyril Tuschi zeichnet in seinem Film anhand von Archivmaterial sowie in Interviews mit Familienangehörigen und Geschäftspartnern den Aufstieg des russischen Unternehmers nach.

Ein journalistischer Coup und Höhepunkt des Films ist ein zehnminütiges Interview, das Tuschi am Rande der Gerichtsverhandlungen mit dem ehemaligen Eigentümer des Yukos-Konzerns führen konnte. Der Angeklagte zeigt sich darin äussert entspannt und heiter. Er habe viel darüber nachgedacht, ob er 2003 die Lage falsch eingeschätzt habe, als er sich nicht ins Ausland abgesetzt und von einer Auslandsreise nach Moskau zurückgekehrt sei. «Ich hatte sicherlich eine naive Vorstellung von Gerechtigkeit», sagt Chodorkowski.

Kurz vor der Berlinale war die Endfassung des Films aus Tuschis Produktionsräumen gestohlen worden. Im Anschluss an die Premiere betonte der Regisseur, dass er selbst nicht glaube, dass der russische Geheimdienst FSB oder Putin in den Diebstahl verwickelt seien, sondern einfach jemand Interesse an seinen Computern gehabt habe. Was die Spekulationen, wonach der angebliche Einbruch eine PR-Aktion für den Film war, weiter anheizen dürfte.

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