Lehrplan 21: «Christentum soll in der Schule im Zentrum stehen»
Aktualisiert

Lehrplan 21«Christentum soll in der Schule im Zentrum stehen»

Religiöse Kreise kritisieren, das Christentum werde im Lehrplan 21 zu wenig beachtet. Christian Amsler, Präsident der Deutschschweizer Erziehungsdirektoren, hält das für Polemik.

von
Christoph Bernet
«Letzendlich ist die religiöse Erziehung eines Kindes Sache der Eltern», sagt der Schaffhauser FDP-Regierungsrat Christian Amsler.

«Letzendlich ist die religiöse Erziehung eines Kindes Sache der Eltern», sagt der Schaffhauser FDP-Regierungsrat Christian Amsler.

Herr Amsler, die EVP, die Bischofskonferenz und der Schweizerische Evangelische Kirchenbund befürchten, dass im neuen Lehrplan 21 das Christentum zu kurz kommt. Sind unsere religiösen Wurzeln unter den Tisch gefallen?

Christian Amsler: Überhaupt nicht! Die Vermittlung eines bestimmten Glaubens und das Erlernen von religiosen Praktiken ist Sache der Kirche und der Glaubensgemeinschaften, nicht der Volksschule. Das war bisher schon so. Der Lehrplan 21 bringt hier keine Veränderung. In unseren Schulen soll das Christentum im Zentrum stehen. Zu behaupten, Jesus werde bald von Mohammed verdrängt, ist reine Polemik. Solche Vorwürfe sind ein Schlag ins Gesicht aller Lehrer, die in letzten Tag landauf, landab mit ihren Klassen Weihnachtslieder gesungen haben und Krippenspiele aufgeführt haben.

Dennoch: Das Christentum wird im Lehrplan 21 nicht explizit erwähnt.

Das hat mit dem Paradigmenwechsel zu tun, der der Lehrplan 21 bringt. Er definiert Lernziele vermehrt über Kompetenzen und weniger über ausformulierte Inhalte. In den alten Lehrplänen der Kantone waren zum Teil christliche Inhalte konkret definiert. Doch auch viele der Kompetenzen im neuen Lehrplan 21 sind nahe an christlichen Inhalten. Weihnachten und Ostern bleiben Teil des Unterrichts. Im Zentrum der Fachbereiche «Natur, Mensch und Gesellschaft» sowie «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» steht die Vermittlung von Wissen uber die verschiedenen Religionen und ihre Traditionen und der Respekt gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften.

Viele Eltern befürchten, mit dem Lehrplan 21 gingen die eigenen Wurzeln verloren und es würden keine Weihnachtslieder mehr gesungen.

Ich sage es nochmals: Basis des Religionsunterrichts an der Volksschule bleibt die christliche Tradition, in der wir leben. Wir betreiben allerdings keine Religionspolitik. Kinder mit anderem religiösem Hintergrund werden nicht dogmatisch zu christlichen Werten erzogen. Das Singen von Weihnachtsliedern, das Anzünden von Kerzen und das Lesen von Weihnachtsgeschichten werden mit dem Lehrplan 21 aber weiterhin praktiziert

Ob diese Bräuche tatsächlich weitergeführt werden, entscheiden die Lehrer. Müssen Eltern einfach darauf hoffen, dass die Lehrer diese Traditionen beibehalten?

Der Unterricht liegt in der Verantwortung der Lehrerinnen und Lehrer. Als Eltern kann man davon ausgehen, dass die meisten Lehrer diese Traditionen aufrechterhalten.

Es gibt auch ein anderes Lager, das Religion als Privatsache sieht, die in der Schule nichts zu suchen hat. Diese Leute sprechen sich gegen jegliche Art von religiösem Unterricht aus.

Über diese Option wurde bei der Erarbeitung des Lehrplans 21 auch diskutiert. Doch für das Verständnis unserer Geschichte und unserer Kultur hat die Religion eine wichtige Bedeutung. Wir sind deshalb der Meinung, dass man Religion im Unterricht nicht einfach weglassen kann. Das Christentum ist die Basis unserer Kultur. Letztlich ist die religiöse Erziehung eines Kindes aber Sache der Eltern. Ich persönlich bin aber der Meinung, dass die Schule sie dabei unterstützen sollte, den Kindern Wissen über die verschiedenen Religionen und vor allem zum Christentum zu vermitteln, wie es der Lehrplan 21 vorsieht.

Einführung verzögert

Der Präsident der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz erwartet Verzögerungen beim Lehrplan 21. «Wir werden wohl nochmals gründlich über die Bücher gehen müssen», sagte Christian Amsler in der «NZZ am Sonntag». Grund ist die Kritik, wonach der Lehrplan zu umfangreich sei und zu hohe Anforderungen stelle. Ursprünglich sollte der Lehrplan 2015 in den ersten Kantonen eingeführt werden. Doch nun erklärte Amsler: «Wir brauchen wohl etwas mehr Zeit. Die Arbeitsgruppen müssen ohne Druck arbeiten können.»

(jbu)

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