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Bye-bye, blonder BengelChristian Wulff, das Gegenteil von Grösse

Ein Bundespräsident zwischen «Das bedeutet Krieg, Sie miese ...» und «Da berühren sich Himmel und Erde»: Selten hat ein Politiker weniger Format bewiesen.

von
Philipp Dahm

Wenn die politische Bühne eine Oper wäre, ginge mit dem heutigen grossen Zapfenstreich ein Trauerspiel zu Ende. Die Tragödie begann Mitte Dezember, als der deutsche Bundespräsident «Täuschungsvorwürfe zurückweist», wie 20 Minuten Online titelte. Die nächsten Überschriften: «Wulff kämpft um Amt und Ruf», «Wulff soll Bild-Zeitung gedroht haben», «Wulff gerät immer mehr unter Druck». Und was macht ein in die Ecke gedrängter Machtmensch? Genau, er liefert das nächste Bonmot: «Das bedeutet Krieg, Sie miese ...», rief der präsidiale Osnabrücker wenig würdevoll ins Telefon.

Rücktritt als Chance: Während ein Philipp Hildebrand am 9. Januar weit weniger bedrängt seinen Hut als Präsident der Schweizer Nationalbank nahm, versuchte der deutsche Bundespräsident in TV-Beichten zu retten, was nicht zu retten ist. Kaum ein Fünftel der Deutschen glauben dem formal ersten Mann im Staate noch. Peu à peu werden neben seiner umstrittenen Haus-Finanzierung weitere Gelegenheiten publik, bei denen Wulff wenig staatsmännisch die Hand aufhielt und ein Auge zudrückte. So geschehen bei Ferien, Festen und Flügen.

Christian Wulff nimmt im TV Stellung

«So besonnen wie in der Politik...»

Dass der blonde Bengel geglaubt hat, er könne seine Fehler einfach aussitzen, kann man dem Juristen noch nicht einmal verübeln. Bis dato gab es ein Geben und Nehmen zwischen Presse und Präsident: Als der konservative Politiker im Juni 2006 Ehefrau Christiane für seine Bettina verliess, ebnete «Bild» dem Ehebruch den Weg. «Wir gehen im Guten auseinander», lässt sie ihn verkünden und sekundiert: «So besonnen wie in der Politik, so besonnen trifft Christian Wulff auch privat seine Entscheidungen». Auch beim Umzug ins «Liebesglück unter dem Dach» ist das Boulevardblatt dabei.

Bis zum 17. Februar will Wulff die Causa aussitzen, doch als die Staatsanwaltschaft die Aufhebung seiner Immunität beantragt, ist der Präsident nicht mehr zu halten. «Ich habe mich in meinen Ämtern stets rechtlich korrekt verhalten», erklärte der Jurist dem Wahlvolk. Zwischen den Zeilen lässt der 51-Jährige Reue aufblitzen: «Ich habe Fehler gemacht, aber ich war immer aufrichtig.» Die deutsche Öffentlichkeit nimmt das aber offenbar ganz anders wahr: Anders ist die Empörung über seinen jährlichen «Ehrensold» von knapp 200 000 Euro nicht erklärbar.

Er will vier statt drei Lieder

Kritiker wollten Wullf gar seine Abschiedsparty streichen. Und der Bundespräsident a. D. reagierte darauf gewohnt unsensibel und ungeschickt: Statt der üblichen drei Lieder will er sich beim grossen Zapfenstreich am 8. März mit vier Stücken verabschieden lassen. Seine Auswahl ist wie seine Amtszeit: zu wirr, zu gewollt – und schrecklich kleingeistig. Neben dem Kirchenlied «Da berühren sich Himmel und Erde», dem hemdsärmligen «Alexandermarsch» und Beethovens «Ode an die Freude» soll die Bundeswehrkapelle «Over The Rainbow» intonieren.

Mit Pauken und Trompeten geht der letzte Akt zu Ende. Noch bevor klar war, ob die noch lebenden deutschen Ex-Präsidenten eingeladen werden, liessen die schon verkünden, dass sie nicht kommen. Demütigender geht es kaum noch und wenn in Berlin nun der letzte Vorhang fällt, ist eine anstrengende Farce vorbei. Von wegen Würde und Grösse – obwohl Wulff gewiss so einer ist, der sagt, dass es am Ende auf Grösse gar nicht ankommt. Hasta la vista, Chrisy!

Ein Bericht des NDR-Magazins «Zapp» über Wulffs Verhältnis zu den Medien. Der Poltiker sagte 2008: «Wie haben Sie denn rausgefunden, wo wir sonntags immer spazieren gehen? Wir sind ganz verblüfft.» Quelle: YouTube/ARD

Unser Vorschlag fürs finale Lied: Das Lied «G» («Geh wenns an den Unterschieden liegt») der Band Hund am Strand. Quelle: YouTube

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