Aktualisiert 28.06.2011 19:56

Auch die Schweiz erfreut

Christine Lagarde ist neue IWF-Chefin

Im Rennen um den Chefposten des Internationalen Währungsfonds (IWF) ist die Entscheidung gefallen: Die französische Finanzministerin Christine Lagarde ist die erste Frau an der IWF-Spitze.

von
kub
Christine Lagard und ihr unterlegener Gegenspieler Agustín Carstens.

Christine Lagard und ihr unterlegener Gegenspieler Agustín Carstens.

Der internationale Währungsfonds (IWF) wird künftig erstmals von einer Frau geleitet: Die französische Finanzministerin Christine Lagarde tritt an die Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF) und übernimmt den Job des wegen Vergewaltigungsvorwürfen inhaftierten Dominique Strauss-Kahn. Vor der Abstimmung des 24-köpfigen IWF-Exekutivkomitees in Washington hatten sich am Dienstag auch die USA für Lagarde an der Spitze des IWF ausgesprochen. Die Französin verfüge über «aussergewöhnliches Talent und grosse Erfahrung», die für den IWF in der derzeitigen Situation von unschätzbarem Wert sei, sagte US-Finanzminister Timothy Geithner.

Bei ihrer Kandidatur erhielt Lagarde ausserdem Unterstützung aus Europa, China, Russland und Brasilien. Laut Recherchen der «Tagesschau» vom Schweizer Fernsehen stimmte auch die Schweiz für Lagarde.

Ihr einziger Konkurrent war der mexikanische Zentralbankgouverneur Agustín Carstens, dessen Bewerbung aber selbst von vielen Entwicklungsländern nicht unterstützt wurde. Die 55-Jährige galt daher als Favoritin für den Chefposten, der seit der Gründung des IWF stets von einem Europäer gehalten wurde.

«Reaktionsschneller, effizienter und legitimer»

Bei ihrer Vorstellung hatte sie erklärt, der IWF müsse «reaktionsschneller, effizienter und legitimer werden». Ausserdem will Lagarde auch den Schwellenländern entgegenkommen, die auf mehr Einfluss in dem Fonds pochen, und die von Strauss-Kahn eingeleitete Reform zu Ende führen.

Vergangene Woche hatten sowohl Lagarde als auch Carstens dem Komitee ihre Pläne für die Zukunft des IWF dargelegt. Markige Worte für die Tradition fand Lagardes Konkurrent. Carstens zeichnete den Anspruch Europas als «bedauernswerte Tradition», die den Währungsfonds «als Geisel» halte.

Befreundet mit Schäuble, beliebter als Sarko

Lagarde gilt auf internationaler Bühne als energische Verhandlungspartnerin und wurde von «Forbes» wiederholt zu den einflussreichsten Frauen weltweit gezählt. Vor ihrem Quereinstieg in die Politik 2005 erwarb sie sich bei einer internationalen Anwaltskanzlei einen Ruf als Wirtschaftsexpertin und verbrachte einen Grossteil ihres Berufslebens in den USA.

2007 berief Staatschef Nicolas Sarkozy die frühere internationale Top-Anwältin als erste Frau zur Finanzministerin eines G-8-Staates. 2008 leitete sie den mächtigen Ecofin-Rat der EU und trug dazu bei, dass die Finanzkrise eingedämmt werden konnte. Mit dem deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) verbindet Lagarde eine Freundschaft, der auch die mitunter gegensätzlichen Positionen zum Weg aus der Euro-Krise nichts anhaben können.

Ihren Chef Sarkozy hat die 55-Jährige, die einst zu den besten Synchronschwimmerinnen ihres Landes gehörte, in Umfragen weit überflügelt. Wegen ihrer Geradlinigkeit und Frische gehört Lagarde zu den beliebtesten Persönlichkeiten Frankreichs und wurde von der «Financial Times» zur besten Finanzministerin der EU gekürt.

In den letzten Monaten geriet die selbstbewusste Madame allerdings zu Hause unter Druck. Dass sie 2008 einer staatlichen Millionenentschädigung an den Geschäftsmann und Sarkozy-Vertrauten Bernard Tapie zustimmte, brachte die sozialistische Opposition in Rage. Auf ihren Druck forderte die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren. Am 8. Juli soll darüber entschieden werden.

Starke französische Tradition in der IWF-Führung

Christine Lagarde ist die fünfte französische Führungskraft an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF). Seit die Finanzinstitution 1946 ihre Arbeit aufnahm, führten Franzosen insgesamt 35 Jahre lang ihre Geschicke.

Von September 1963 bis August 1973 hatte Pierre-Paul Schweitzer den IWF-Spitzenjob inne. In die Amtszeit des Neffen von Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer fiel der Zusammenbruch des seit Ende des Zweiten Weltkrieges geltenden globalen Währungssystems, das von festen Wechselkursen und dem mit Gold gedeckten US-Dollar als Leitwährung geprägt war.

Von Juni 1978 bis Januar 1987 stand der Finanzexperte Jacques de Larosière an der Spitze des IWF, während seines Mandats war die Weltwirtschaft durch den zweiten Ölschock 1979 und Schuldenkrisen in Lateinamerika angeschlagen.

Der Fall von DSK

Sein Nachfolger war ebenfalls Franzose: Michel Camdessus, dessen Amtszeit bis zum Februar 2000 dauerte. Unter seiner Ägide war der IWF mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, der sogenannten Tequila- Währungskrise in Mexiko 1994 und der Asien-Krise 1997/1998 konfrontiert. Umstritten ist Camdessus' Rolle in der Argentinien- Krise, auf deren Höhepunkt er während seiner dritten Amtszeit sein Amt niederlegte.

Lagardes Vorgänger Dominique Strauss-Kahn schliesslich übte das Amt des Managing Director beim IWF von November 2007 bis vergangenen Mai aus. Der Währungsfonds spielte unter seiner Führung eine zentrale Rolle bei der Eindämmung der Wirtschafts- und Finanzkrise sowie zuletzt bei der Schuldenkrise in der Euro-Zone. Der fachlich hoch angesehene Strauss-Kahn musste zurücktreten, weil er in einem New Yorker Luxushotel ein Zimmermädchen sexuell angegriffen haben soll - was er bestreitet. Derzeit steht er unter Hausarrest und wartet auf seinen Prozess. (kub/sda/dapd)

Schweiz mit Wahl von Lagarde zufrieden

Die Wahl von Christine Lagarde zur IWF-Chefin ist für die Schweiz erfreulich. Sie verfüge über die Fähigkeiten und Erfahrungen für ein solches Amt, sagte Mario Tuor, Kommunikationschef des Staatssekretariats für internationale Finanzfragen , auf Anfrage der sda.

Die Schweiz habe die Kandidatur Lagardes darum auch unterstützt. Sehr wichtig sei aus Schweizer Sicht gewesen, dass die Nachfolgefrage schnell geklärt wird. Damit können nun wesentliche Themen - allen voran die internationale Finanzstabilität - weiter bearbeitet werden.

Die Schweiz hat seit 1992 einen Sitz im 24-köpfigen Exekutivrat des IWF. Ihrer Stimmrechtsgruppe gehören die sieben Staaten Polen, Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgistan, Serbien, Tadschikistan und Turkmenistan an. Die Gruppe wird darum oft «Helvetistan» genannt.

Bei der letzten Wahl in das Exekutivdirektorium hatten das Eidgenössische Finanzdepartement und die Schweizerische Nationalbank gemeinsam über die Stimmabgabe entschieden.

Am Kapital des IWF ist die Schweiz mit 1,21 Prozent beteiligt. Vor einer IWF-Reform im November 2010 zugunsten der Schwellenländer waren es 1,45 Prozent gewesen. Obwohl die Schweiz damit von Platz 17 auf 19 zurückfiel, gehört sie immer noch zu den 20 wichtigsten IWF- Mitgliedern. (sda)

Fehler gefunden?Jetzt melden.