Verschollener Schweizer in Mexiko: Christoph B.: Flucht vor Schulden?
Aktualisiert

Verschollener Schweizer in MexikoChristoph B.: Flucht vor Schulden?

Nun ist klar: Der verschwundene Schweizer in Mexiko ist keinem Verbrechen zum Opfer gefallen. Im Touristenort Puerto Escondido ist er wieder aufgetaucht. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass der Schweizer vor Schulden geflüchtet sein könnte. Sein Vater sagt: «Er muss unter enormem Druck stehen.»

von
K. Leuthold und J. Bedetti

«Etwas ist komisch», sagte Efraim Vega Giles gestern Nachmittag gegenüber 20 Minuten Online. Giles ist Staatsanwalt in Cuernavaca und leitet die polizeilichen Ermittlungen im Fall Christoph B. Bereits gestern Nachmittag ging er davon aus, dass Christoph B. keinem Verbrechen zum Opfer gefallen sei: In diesem Falle wäre nämlich höchstwahrscheinlich eine Leiche aufgetaucht.

Am 30. Dezember, zwei Tage nach seinem Verschwinden, sei mit einer Zweitkarte der Kreditkarte, die Christoph B.s Vater gehört, an einem Busterminal ein Busticket gekauft worden. Von dem Busterminal kann man nur in die noch weiter südlich als Cuernavaca liegenden Städte Tabasco, Vera Cruz, Puebla oder Oaxaca fahren. Gestern Nachmittag versuchten Experten der technischen Universität von Monterey, im Auftrag der Ermittler die schlecht aufgelösten Bilder der Überwachungskameras am Busterminal so zu verbessern, dass man die Personen darauf identifizieren konnte.

«Nie mehr wiedersehen!»

Inzwischen ist klar: Christoph B. ist aus eigenen Stücken abgetaucht und nach Oaxaca gefahren. Wie der «Tages-Anzeiger» heute berichtet, habe gestern Nachmittag bei seiner Freundin Ana Maria Gomez das Telefon geklingelt, eine Männerstimme habe gesagt: «Posada Real, Puerto Escondido» - und dann aufgelegt. Puerto Escondido ist ein Touristenresort nahe der Stadt Oaxaca. Wie Gomez' Vater nach einigen Telefonen herausfand, habe Christoph B. vom 4. bis 11. Januar ein Zimmer in einem Hotel reserviert – und sei am 4. Januar tatsächlich erschienen.

Beim Einchecken habe sich aber herausgestellt, dass der Saldo seiner Kreditkarte überzogen gewesen sei. 20 Minuten Online weiss: Der Vater hat die Kreditkarte gesperrt. Christoph B. habe dem Rezeptionisten gesagt, er gehe Geld abheben, sei aber nicht mehr aufgetaucht. Seine Freundin, welche die ganze Stadt mit Vermisstenplakaten zugepflastert und gar einen Videoaufruf gemacht hatte, sagte gegenüber dem «Tages-Anzeiger»: «Ich will ihn nie mehr wiedersehen!»

Kein Kontakt zur Familie

Unklar bleibt, wieso Christoph B. untergetaucht ist. Staatsanwalt Efraim Vega Giles und seine Ermittler äussern hinter vorgehaltener Hand jedoch einen Verdacht: Christoph B. könnte vor Schulden geflohen sein.

20 Minuten Online hat mit dem Vater von Christoph B. gesprochen. «Christoph hat mit uns noch immer nicht Kontakt aufgenommen - weder mit uns noch mit seinem Onkel in Cuernavaca», sagt Mark B. Man habe alles probiert - Telefon, E-Mails. Wahrscheinlich stecke er in Schwierigkeiten, wolle aber seine Familie nicht hineinziehen. «Christoph muss unter enormem Druck stehen», sagt Mark B. Er schliesst nicht aus, dass vielleicht die Familie seiner Freundin Ana Maria Gomez dahinter stecken könne.

Der Vater bezweifelt, dass sein Sohn vor Schulden geflohen sein könnte. Er habe ihn darum monatlich 4-5000 Pesos, also rund 300 Franken überwiesen. «Davon kann man in Mexiko leben», sagt Mark B. Zudem habe sein Sohn auch noch eigenes Erspartes, das er per Bancomat beziehen könnte. Und dass er sich wegen seines Restaurantsprojekts, für das er bereits einen Kaufvertrag in der Tasche habe, ins Minus gestürzt haben könnte, hält Mark B. ebenfalls für nicht wahrscheinlich. «Er hätte im Voraus bloss zwei Monatsmieten des Lokals im Wert von 700 Pesos, also ein paar hundert Franken, hinblättern müssen. Und wenn er grössere Schulden gehabt habe, hätter er jederzeit zu mir kommen können.»

Keine Arbeit

Klar ist: «Christoph hatte keine Arbeit in Mexiko.» Gemäss Mark B. hat der 26-jährige Christoph B., gelernter Automechaniker, seit seiner Ankunft in Mexiko vor drei Jahren nie wirklich gearbeitet. Die Informationen des Tages-Anzeigers, gemäss denen Christoph B. bis vor kurzem bei einer Schweizer Kranfirma angestellt gewesen sei, seien falsch, beteuert der Vater. Nach zwei Jahren Sprachschule, in denen er pefekt spanisch gelernt habe, habe er vergebens nach einem Job gesucht – «es sei schwer, in Mexiko einen Job zu finden.»

Plötzliche Entscheidung

Was auch immer hinter Christoph B.s Verschwinden steckt - er ist kein Mann, der sich mit Entscheidungen schwer tut. «Man könnte Christoph als das Gegenteil von ängstlich bezeichnen.» Nach einigen Monaten Aufenthalt in Mexiko habe er den Eltern eröffnet, dass er dort nicht mehr weg wolle. «Wir fielen aus allen Wolken», sagt der Vater. Bald aber sei klar geworden: «Der wollte da nicht mehr weg», sagt Mark B. Christoph habe sein Auto und seine sonstigen Wertsachen in der Schweiz verkauft und sei übergesiedelt.

Die Familie B. kennt Mexiko gut. «Wir waren schon mehrmals dort, als Christoph noch ein Kind war», erzählt Mark B. «Zudem wohnen nahe Verwandte im Land.»

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