Cider ist mehr als nur die süsse Alternative zum Bier und Wein
Die Schweiz verzeichnet einen Aufschwung von Produzentinnen und Produzenten, die Cider herstellen.

Die Schweiz verzeichnet einen Aufschwung von Produzentinnen und Produzenten, die Cider herstellen.

Unsplash / Olivia Bauso
Publiziert

Start der ApfelsaisonCider ist mehr als nur die süsse Alternative zu Bier und Wein

In weiten Teilen Europas gehören Cider seit jeher fest zur Trinkkultur – nun werden sie auch in der Schweiz immer beliebter.

von
Sonja Siegenthaler

Während Cider von Spanien über die Normandie bis England und Irland eine lange Tradition haben, zählte er in der Schweiz bisher eher zu den Nischenprodukten. Schliesslich war die Auswahl klein und von wenigen ausländischen Grossproduzenten wie Sommersby oder Strongbow geprägt. Getrunken wurde es vorzugsweise von Leuten, denen Bier zu herb und wenig süss und Wein zu schwer war.

Dieses Bild ändert sich nun allmählich: Nebst grösseren, inländischen Produzenten wie der Mosterei Möhl widmen sich nun auch immer mehr kleinere Akteure – vor allem aus dem Craft-Bereich – dem goldgelben Getränk mit einem Alkoholgehalt von meist rund 5 bis 7 Prozent. Auch der Schweizer Obstverband will diese Marktnische fördern und hat 2018 erstmals eine Prämierung von Schweizer Fruchtsäften und Cider ins Leben gerufen, um den Konsumierenden «traditionelle Getränke auf Basis von Schweizer Früchten in Erinnerung zu rufen».

Was ist Cider überhaupt?

In der Schweizer Getränkeverordnung wird der Begriff Cider bisher nicht definiert und oft als Synonym für Obstschaumwein gebraucht. Cider entsteht, indem man den gepressten Saft der Äpfel im geschlossenen Tank und / oder in der Flasche vergären lässt. Dabei wandelt Hefe den natürlichen Fruchtzucker in Alkohol und Kohlensäure um. Cider besitzt einen eher süsseren Geschmack und wird häufig wie Bier in kleineren Flaschen und Dosen angeboten.

Cider sind zugänglicher als Wein

Weil beides im Grunde vergorener Apfelsaft ist, wird Cider hierzulande oft dem sauren Most gleichgestellt – und dessen Geschichte reicht auch in der Schweiz bis ins frühe Mittelalter zurück. Denn Äpfel als Rohstoff waren hier leichter verfügbar als Getreide wie Gerste oder Weizen, weshalb in der Schweiz lange mehr Most als Bier hergestellt wurde. Dass Cider doch etwas fruchtiger und süsser als saurer Most schmeckt und mehr perlt, liegt daran, dass der Gärungsprozess beim Abfüllen im Vergleich zum sauren Most noch nicht ganz abgeschlossen ist.

«Leider ist viel Wissen und auch die Tradition des sauren Mostes und damit auch des Ciders vergessen gegangen», meint Florian Herzog, der im Luzerner Seetal Cider aus hofeigenen Früchten produziert. Durch den Einfluss des englischen Ciders und des französischen Ciders komme nun wieder frischer Wind in das Handwerk: «Momentan ist der Trend noch nicht so sehr verbreitet. Aber ich stelle einen Aufschwung fest, mit spannenden neuen Produzenten und Produzentinnen und Konsumenten und Konsumentinnen, die Cider schätzen», so Herzog.

Florian Herzog produziert unter dem Namen Herzögler aus verschiedenen Apfel-, Birnen- und Quittensorten Cider.

Florian Herzog produziert unter dem Namen Herzögler aus verschiedenen Apfel-, Birnen- und Quittensorten Cider.

Herzögler

Neben dem neuen, modernen Etikett kann dieser Aufwärtstrend des Ciders auch durch seine Unkompliziertheit erklärt werden: Das Getränk ist zugänglicher als Wein und kann oftmals wie Bier direkt aus der Flasche genossen werden, was eine neue Zielgruppe ansprechen kann.

Obstbäume sind robuster als Reben

Längst haben auch Schweizer Winzerinnen und Winzer, die sich bereits mit ihrem Wein etabliert haben, ihr Portfolio mit Cider ergänzt. Wie etwa Tom Litwan aus dem Aargau oder Markus Ruch aus dem schaffhausischen Klettgau, der 2019 gemeinsam mit Beni Oswald die Mosterei Oswald+Ruch gegründet hat und seither auf handwerkliche Art und Weise Ciders aus verschiedenen Apfel-, Birnen- und Quittensorten herstellt.

Denn Weinbau ist aufgrund der Klimaerwärmung mit den damit einhergehenden Wetterextremen risikoreich geworden – und im Gegensatz zu den Reben scheinen Obstbäume robuster und besser an unser Klima angepasst zu sein, vor allem die alten Sorten. Diese werden oft für Cider verarbeitet, weil sie nicht nur zum Essen optimiert gezüchtet wurden, sondern im Geschmack noch herber, saurer und aromatischer sind.

Für Cider werden in der Schweiz oft alte Apfelsorten verwendet, wie die Waldhöfler, Bohnapfel, Sternapi, Gravensteiner oder Birnöpfel. 

Für Cider werden in der Schweiz oft alte Apfelsorten verwendet, wie die Waldhöfler, Bohnapfel, Sternapi, Gravensteiner oder Birnöpfel.

Unsplash / Timothy Meinberg

Mit diesen startete auch Herzog seine Produktion der Herzögler: «Mein Vater hat eine grosse Leidenschaft für alte Apfelsorten und pflanzte hunderte Bäume. Ich fragte mich schon lange, was man mit dem Potenzial machen könnte». So sei er dann mit Freunden am See auf die Idee gekommen sein, selber einen Cider herzustellen. Auch er produziert das Obst möglichst naturnah und setzt weder Insektizide noch andere Pflanzenschutzmittel ein.

Die Schweiz ist ein Apfel-Land.

Die Schweiz ist ein Apfel-Land.

Unsplash / Joanna Nix Walkup

Dabei ist die Auswahl der Apfelsorten von grosser Bedeutung in Bezug auf den Geschmack des Endresultates. Wichtig sei gemäss Herzog vor allem, dass ausschliesslich reife, aromatische Äpfel verarbeitet werden und die Balance zwischen süss und sauer gefunden wird. Aufgrund der riesigen Apfelsorten-Auswahl der Schweiz – die Anzahl beläuft sich auf über 1500 verschiedene Sorten – sollte die perfekte Mischung für alle Cider-Produzentinnen und Produzenten auffindbar sein.

Hast du eine Cider-Marke, die du besonders lecker findest? Verrate sie uns in den Kommentaren, damit wir sie auch probieren können.

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