Cliptrip

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Cliptrip

Ankunft in der Hochkultur: Musikvideos haben sich von
reinen Promofilmchen für Singles zu einer eigenen Kunstform entwickelt. Vier neue DVDs dokumentieren das Geschehen.

Auch wenn die Buggles 1981 die Ermordung des Radiostars durch Musikvideos beklagten, sind die Clips ein essenzieller Bestandteil der Populärkultur geworden. Die Musikindustrie gibt Unsummen aus, um ihren Stars eine ansprechende Visualisierung zu ermöglichen, und nicht selten erhält das Video weit mehr Aufmerksamkeit als der dazugehörige Song. Umso erstaunlicher, dass die Halbwertszeit der meisten Videoclips extrem kurz ist. Nur mit viel Glück und spät in der Nacht erhascht man auf den Musiksendern Lieblingsvideos, die mehr als ein, zwei Jahre auf dem Buckel haben. Erschwerend kommt hinzu, dass die spannendsten Clips oftmals zu Songs abseits des Mainstreams gedreht werden.

Seit ihrem Entstehen haben sich Musikvideos zu einer ganz eigenen Kunstform entwickelt: «Es ist auf jeden Fall ein eigenes Genre», bestätigt Pascal Bloch von Sevendayspictures, der bereits für Künstler wie die Lovebugs oder Toxic Guineapigs gearbeitet hat. «Das Video ist nichts anderes als die ansprechende Verpackung – wie bei einem Parfum, hat diese auch bei der Musik eine grosse Bedeutung.»

Dennoch führen Musikvideos im grossen Kanon der Künste ein stiefmütterliches Dasein und gelten lediglich als Sprungbrett zu höheren Weihen – nicht selten kommt es vor, dass talentierte

Videoclip-Regisseure später den Sprung auf die grosse Leinwand schaffen, wie dies zum Beispiel Michel Gondry («Eternal Sunshine of the Spotless Mind») gelang. Eine Erklärung für diese Tatsache ist die, dass Videoclips im Allgemeinen lediglich als Werbefilm für den dazugehörigen Song, aber nicht als ergänzender Teil eines Gesamtkunstwerks betrachtet werden.

In Zeiten des Wertverfalls in der Musik gewinnt aber das visuelle Element an Bedeutung. Man denke nur an die immer aufwändigeren CD-Cover oder die bei grossen Produktionen mittlerweile obligatorischen Video-Beigaben. So hat zum Beispiel Beck für sein neustes Album zusammen mit einem befreundeten

Video-Künstler eine 45-minütige DVD produziert, die er als «digitale Form des Artworks» versteht.

Die «Directors Label»-DVD-Reihe rückt die Videoclips nun ganz ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Ausgewählte Regisseure dürfen in diesem Kontext jeweils eine eigene Scheibe mit ihrem Schaffen zusammenstellen. Die Musikvideos werden dabei ergänzt durch Werbearbeiten und Kurzfilme. Zudem finden sich hier aufschlussreiche Kommentare der Regisseure selber sowie der Musiker, in deren Auftrag die Bilder entstanden sind. Die ersten drei Ausgaben der Serie sind mittlerweile Klassiker, gelten die Arbeiten der darauf vertretenen Regisseure Spike Jonze, Michel Gondry und Chris Cunningham doch als absolute Meisterwerke. Man erinnere sich nur an die wunderschöne Roboterliebe in Björks «All Is Full of Love» oder die verstörenden Bikinigirls aus Aphex Twins «Windowlicker», auf deren sich sexy räkelnden Körpern der diabolisch grinsende Kopf des Elektronikspinners montiert ist.

Nun sind in der Reihe weitere vier DVDs mit Arbeiten von stilprägenden Clip-Künstlern erschienen. Diesmal haben Stéphane Sednaoui, Mark Romanek, Jonathan Glazer und Anton Corbijn die Chance erhalten, sich und ihre Arbeiten für Musiker wie die Red Hot Chili Peppers oder Johnny Cash zu präsentieren. Und auch hier zeigt sich: Videoclips können ganz eigene Kunstwerke sein, die es verdient haben, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen.

Thomas Nagy

Anton Corbijn, Jonathan Glazer, Mark Romanek, Stéphane Sednaoui «The Work Of Director» (Mute/Musikvertrieb).

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