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Lärmschutz Clubs und Konzertlokale fürchten um ihre Existenz

Ab 2019 sollen für Veranstalter schärfere Lärmschutzregeln gelten. Die Musikbranche wehrt sich mit einer Petition.

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anp/bz
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Kleine Veranstalter befürchten, dass die neue Lärmschutzverordnung ihre Existenz gefährdet.

Kleine Veranstalter befürchten, dass die neue Lärmschutzverordnung ihre Existenz gefährdet.

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Die neue Verordnung zum  Bundesgesetz über den Schutz vor Gefährdungen durch Strahlung und Schall (V-NISSG) sieht eine Verschärfung der Regelungen zum Schutz des Gehörs vor. Sie soll im ersten Halbjahr 2019 in Kraft treten.

Die neue Verordnung zum Bundesgesetz über den Schutz vor Gefährdungen durch Strahlung und Schall (V-NISSG) sieht eine Verschärfung der Regelungen zum Schutz des Gehörs vor. Sie soll im ersten Halbjahr 2019 in Kraft treten.

Keystone/Karl-heinz hug
Deshalb wurde eine Petition am Mittwoch lanciert: «Sie bedeutet den finanziellen Untergang für Bars, Clubs sowie kleinere Bühnen oder das Ende von Konzerten, Partys oder Hochzeiten, an denen mitgesungen wird», schreiben die Petitionäre.

Deshalb wurde eine Petition am Mittwoch lanciert: «Sie bedeutet den finanziellen Untergang für Bars, Clubs sowie kleinere Bühnen oder das Ende von Konzerten, Partys oder Hochzeiten, an denen mitgesungen wird», schreiben die Petitionäre.

iStock/Cesare Ferrari

«Sollen in Zukunft nicht nur Konzerte von Stars in den grossen Konzerthäusern stattfinden, so muss unbedingt etwas gegen die neue Verordnung unternommen werden», heisst es in einer am Mittwoch gestarteten Petition. Sie richtet sich gegen ein Vorhaben des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Es plant eine neue Verordnung zum Bundesgesetz über den Schutz vor Gefährdungen durch Strahlung und Schall (V-NISSG). Sie soll im ersten Halbjahr 2019 in Kraft treten. «Sie bedeutet den finanziellen Untergang für Bars, Clubs sowie kleinere Bühnen oder das Ende von Konzerten, Partys oder Hochzeiten, an denen mitgesungen wird», schreiben die Petitionäre.

Kleine Veranstalter teilen die negative Prognose. «Mit der neuen Verordnung würden noch mehr Kosten auf uns zukommen, sodass wir am Ende schliessen müssten», sagt Zafir Abdi, Besitzer der Bar Rossi an der Zürcher Langstrasse. Als kleine Konzertbar zu überleben, sei jetzt schon schwierig. «An jeder Ecke gibt es 24-Stunden-Shops, in denen die Leute einen halben Liter Bier für nur 1.50 Franken kaufen können.» Sein Geschäft funktioniere nur, weil viel Leidenschaft darinstecke. «Man zahlt sich einen Minimallohn aus und arbeitet täglich 12 bis 15 Stunden.»

«Kosten von mehreren Tausend Franken»

Laut Daniel Dauwalder, Mediensprecher des BAG, geht es vor allem um einheitliche Voraussetzungen: «Die Schallpegelwerte bleiben in dieser Revision unverändert. Anpassungen gelten der Pflicht zur Aufzeichnung der Schallpegel.» Der Vernehmlassungsentwurf sehe vor, dass für alle dieselben Anforderungen an die Messgeräte gelten. Laut BAG konnten bisher Veranstalter den Schallpegel mit Messgeräten, die «eine beliebig hohe Messungenauigkeit» hatten, messen.

Die lauteste Kritik gilt den Erläuterungen des BAG im Bereich von Veranstaltungen. Die Behörde schreibt: «Es entstehen keine grossen Mehrkosten. Die bereits bestehende Schall- und Laserverordnung (SLV) wurde in die vorliegende Verordnung integriert.»

Das sieht Alexander Bücheli, Mediensprecher der Zürcher Bar- und Clubkommission Zürich, anders: «Die neue Verordnung würde für Veranstalter Kosten von mehreren Tausend Franken verursachen.» Nicht nur müssten neue, geeichte Messgeräte angeschafft und das Personal für die Messungen speziell ausgebildet werden. «Die neue Verordnung fordert auch bauliche Massnahmen.» In kleinen Locations müssten für Schlagzeuge Plexiglaswände zum Einsatz kommen. Auch fielen Kosten für Ohrstöpsel an. «Neu müssten Gehörschütze schon ab einem Schalldruck von über 93 Dezibel abgegeben werden.»

Bücheli befürchtet, dass die Verordnung vor allem kleinere Locations hart treffen würden. «Um zu überleben, müssten sie die Preise erhöhen oder das kulturelle Angebot einschränken.» Er rechne deshalb damit, dass vielen kleinen Konzertlokalen nur noch die Schliessung übrig bleibe.

Neue Verschärfung unnötig

«Die strengen Dezibel-Vorgaben schränken jetzt schon die künstlerische Freiheit ein.» Positiv beurteile er die breit angelegte Anhörung, die das BAG Ende September durchführen will. «Ich hoffe, dass die Veranstalter mit dem Bund eine einvernehmliche Lösung finden.»

Ähnlich sieht das Stefan Breitenmoser vom Branchenverband der professionellen Schweizer Konzert-, Show- und Festivalveranstalter SMPA. Es gebe keinen Grund, die bewährte Verordnung zu verschärfen: «Die SLV von 1996 wurde mehrmals revidiert. Die momentane Fassung ist breit anerkannt und wird von der Branche akzeptiert», sagt Breitenmoser. Die neuen Forderungen von beispielsweise höher qualifizierten Messgeräten lehnt die SMPA ab – die neue Verordnung in dieser Form sei keine Lösung. «Auch die Konsequenzen für kleine Veranstaltungen werden stark unterschätzt.» Breitenmoser ist gespannt, wie das BAG die «Unklarheiten», wie das BAG selbst schrieb, im September aufklären werde.

Schweiz als Gastland unbeliebt

Lars Rieche von Soundmanoever organisiert selbst regelmässig Punk- und Rock-Veranstaltungen. Er befürchtet, die Schweiz werde als Gastland für Bands durch die Regelungen unattraktiver. «Es ist jetzt schon so, dass viele Künstler​ über die dB-Begrenzung nicht wirklich glücklich sind. Vor allem kleine Bands werden sich den ohnehin komplizierten Weg in die Schweiz nicht mehr antun», sagt er.

Ausserdem müsse manche Musik einfach laut gehört werden: «Ein Drummer, der richtig reinhaut, kommt allein schon auf 110 dB. Der möglichen Gefahren fürs Gehör seien sich die Konzertbesucher durchaus bewusst, sagt Rieche. «Im Gegensatz zu anderen Lärmquellen, denen man ausgeliefert ist, werden unsere Konzerte freiwillig besucht.»

Stellungnahme des Bundes

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) weist in einer Stellungnahme daraufhin, dass verschiedene Aussagen der Akteure in diesem Artikel nicht korrekt seien. So müssten bereits heute Gehörschütze ab einem Schalldruck von 93 Dezibel abgegeben werden. Zudem würden die Dezibel-Werte nicht angepasst, und Konzerte und Veranstaltungen mit einer Lautstärke von mehr als 93 Dezibel müssten bereits heute 14 Tage im Voraus angemeldet werden. Eine Pflicht zur Aufzeichnung des Schallpegels für Veranstalter besteht heute für Veranstaltungen zwischen 96 Dezibel und 100 Dezibel, die länger als drei Stunden dauern. Das Vernehmlassungsverfahren zu der neuen Verordnung wurde Ende Mai abgeschlossen.

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