Aktualisiert 28.01.2020 13:21

Abstimmungskampf«Coca-Cola schmeckt mir nicht mehr»

Coca-Cola greift in den Abstimmungskampf zum Schutz von Homosexuellen ein. Das sei heuchlerisch, sagen Kritiker.

von
ehs
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Auf Inseraten, die in verschiedenen Medien wie etwa 20 Minuten geschaltet werden, prangt derzeit eine Coca-Cola-Flasche vor Regenbogenfarben.

Auf Inseraten, die in verschiedenen Medien wie etwa 20 Minuten geschaltet werden, prangt derzeit eine Coca-Cola-Flasche vor Regenbogenfarben.

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Dazu schreibt der Getränkehersteller, er setze sich für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft ein. «Cola schmeckt unabhängig von der sexuellen Orientierung.» (Symbolbild)

Dazu schreibt der Getränkehersteller, er setze sich für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft ein. «Cola schmeckt unabhängig von der sexuellen Orientierung.» (Symbolbild)

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Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Am 9. Februar wird über die Erweiterung der Antirassismus-Strafnorm abgestimmt. Künftig soll auch die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung strafbar sein.

Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Am 9. Februar wird über die Erweiterung der Antirassismus-Strafnorm abgestimmt. Künftig soll auch die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung strafbar sein.

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Eine Coca-Cola-Flasche vor Regenbogenfarben prangte am Montagmorgen auf der Titelseite von 20 Minuten. Der Getränkehersteller schrieb dazu: «Wir setzen uns für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft ein.» Cola schmecke «unabhängig des Alters, des Geschlechts, der Hautfarbe oder Religion oder der sexuellen Orientierung». Der Zeitpunkt ist nicht zufällig: Am 9. Februar stimmt die Schweiz über die Erweiterung der Antirassismus-Strafnorm ab. Künftig soll auch die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung strafbar sein.

Matthias Schneider, Sprecher von Coca-Cola Schweiz, sagt: «Uns geht es darum, in gesellschaftspolitischen Fragen Farbe zu bekennen.» Das habe eine lange Tradition bei Coca-Cola. So habe das Unternehmen als erste US-Getränkefirma 1955 eine dunkelhäutige Frau in der Werbung gezeigt. 1971 habe sich das Unternehmen gegen Krieg ausgesprochen. In der Schweiz sei es aber das erste Mal, dass sich Coca-Cola so äussere. «Es ist Zeit, dass Unternehmen Farbe bekennen.»

«Keine Stimmempfehlung»

Bei dem Inserat handelt es sich um eine gemeinsame Aktion von Coca-Cola Schweiz und vom hiesigen Abfüller Coca-Cola HBC Schweiz AG. Deren Sprecher Martin Kathriner sagt, die Ausweitung des Anti-Diskriminierungsartikels werde viel diskutiert, Gewalttaten gegen Homosexuelle hätten viele schockiert. «Wir finden es wichtig, dass sich Firmen einmischen. Die Wirtschaft ist ein relevanter Akteur», sagt er. Coca-Cola wolle zur Debatte beitragen. «Wir geben aber keine Abstimmungsempfehlungen heraus.»

Anian Liebrand ist Sprecher des Komitees «Zensurgesetz Nein», das sich gegen die Gesetzes-Erweiterung ausspricht. Er glaubt nicht, dass es Coca-Cola nur um die Debatte geht. «Wenn Coca-Cola behauptet, beim Inserat handle es sich nicht um Einmischung in den Abstimmungskampf, glaubt das kein Mensch», sagt er. «Coca-Cola als Weltkonzern hat das Recht, sich so zu positionieren, sollte aber auch dazu stehen, dass er aktiv und einseitig Partei ergreift und den Ausgang der Abstimmung beeinflussen will.»

Ist Inserat kontraproduktiv?

Das Inserat enthalte viele Schlagworte, die erkennen liessen, dass es sich in erster Linie um eine Marketingkampagne handle. Deren Hauptzweck sei, das eigene Image zu optimieren. «Dass man für eine solche Selbstprofilierung die direkte Demokratie missbraucht, halten wir für nicht ehrlich. Echt glaubwürdig wäre Coca-Cola, wenn das Unternehmen seine wirtschaftliche Tätigkeit in Ländern einstellen würde, in denen Homosexualität verboten ist oder mit dem Tod bestraft wird», sagt Liebrand.

So konsequent sei Coca-Cola dann aber doch nicht: «Geld zu verdienen, steht halt doch noch an oberster Stelle.» Nach dieser «peinlichen Aktion» würden sich wohl viele daran erinnern, dass es in der Schweiz auch gute lokale Alternativen zu Coca-Cola gebe. Die Kampagne könne sogar kontraproduktiv sein, vermutet Liebrand: «Viele Stimmbürger reagieren kritisch auf Belehrungsaktionen von Konzernen.» In einer Medienmitteilung schrieb die Junge SVP am Dienstag von einer «geschmacklosen Aktion» von Cola. «Coca Cola schmeckt mir nicht mehr», schreibt die Jungpartei. Sie verweise auf Pepsi und den Schweizer Konkurrenten Vivi Kola, «die auch hervorragend schmecken».

«Marken müssen begeistern»

Auch der Markenexperte Francois Cochard räumt ein, dass das Inserat nicht nur positive Reaktionen hervorrufen wird. «Eine Wertehaltung stösst auch Menschen ab, die diese Werte nicht teilen. Das ist die Gefahr bei solchen Inseraten», sagt er. Da es sich bei Coca-Cola um eine ausländische Firma handle, könne sich diese Ablehnung noch verstärken. Für Firmen sei es sehr schwierig oder gar gefährlich, sich zu politischen Themen zu äussern, die sie wirtschaftlich nicht betreffen. Andererseits: «Es ist eine umso grössere Chance, positive Aufmerksamkeit zu gewinnen, wenn das wie im Fall von Coca-Cola gelingt.»

Unter dem Strich gewinne Coca-Cola so mehr loyale Kunden, als die Firma verliere. «Marken müssen mit der Kundschaft Gemeinsamkeiten aufbauen und Begeisterung auslösen. Ein Element, um das zu erreichen, sind gemeinsame Werte. Die Menschen wollen wissen, wofür eine Marke steht.» Das sei legitim und richtig, so Cochard. Mit der Werbung spreche Coca-Cola aber auch eigene Mitarbeiter an. «Es macht viel mehr Spass, für einen Arbeitgeber zu arbeiten, dessen Werte man teilt.»

Dass es Coca-Cola auch um die Mitarbeiter geht, sagt auch HBC-Sprecher Kathriner. «Natürlich machen uns solche Aktionen auch als Arbeitgeber für viele Menschen attraktiver. Wir werden dadurch für unsere Mitarbeiter greifbarer und sie können ihren Arbeitgeber so besser verstehen.» Viele Mitarbeiter freuten sich über die Kampagne. «Wir haben intern keine einzige negative Rückmeldung erhalten», sagt Kathriner.

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