Instagram-Autofahrer : Cockpit-Videos boomen trotz Spott auf Instagram
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Instagram-Autofahrer Cockpit-Videos boomen trotz Spott auf Instagram

Ein Magazin hat die Video-Posts von Autofahrern zum Hassobjekt erklärt. Cockpit-Poster lassen sich das nicht gefallen. Fahrlehrer warnen.

von
B. Zanni

Manche Autofahrer daten ihre Follower fast täglich mit Cockpit-Videos up: auf dem Weg zur Arbeit, nachhause, in den Ausgang oder in die Ferien. (Video: bz)

Etliche Schweizer User auf Social Media fahren auf Videos ab, die direkt aus dem Fahrersitz gemacht werden. Zur Schau stellen sie ihren Followern den Blick aus der Windschutzscheibe, das Armaturenbrett und das Steuerrad. Was nie fehlen darf: Der Sound aus dem Autoradio. Manche versorgen ihre Follower fast täglich mit Cockpit-Videos: auf dem Weg zur Arbeit, nachhause, in den Ausgang oder in die Ferien.

Doch die Posts sind nicht bei allen Leuten beliebt. Das deutsche Online-Magazin «Zeitjung» hat den Insta-Post vom Fahrersitz kürzlich zum Hassobjekt erklärt. Die Autorin spottet: «Wow, ein Lenkrad. Beeindruckend. Auch noch schwarzer Kunststoff, edel seid ihr heute unterwegs. Nahezu dekadent, wie ihr mit mit 130 Sachen auf der Autobahn entlangzuschweben scheint. Dazu beschallen euch ausgewählte, feinste Klänge aus dem Autoradio. Und ihr habt mich auserwählt, diesen besonderen Moment mit mir über Social Media zu teilen. Ich bin sprachlos.»

Für die Autorin steht fest: «Nobody Cares!» Es interessiere sie nicht, wohin und mit wem sie unterwegs seien und welche Musik sie dabei hörten. Lieber sollten sie die Details ihrer atemberaubenden Reisen nach der Ankunft erzählen.

Es gehe um die Musik

Auch der bekannte Schweizer Influencer Bendrit Bajra postet regelmässig Cockpit-Videos. Er filme seine Autofahrten nicht wegen des Autos, sagt Bendrit. «Ich möchte damit meinen Followern das Lied zeigen, das ich gerade höre.» Wenn er mit dem Auto unterwegs sei, höre er eben meist Musik. «Dann nehme ich gleich etwas auf und poste das.»

Vanessa, die auf Instagram mit Cockpit-Videos aktiv ist, kann den Hass nicht nachvollziehen. «Die Videos und die Musik, die man dazu abspielt, verbinden», sagt die 20-jährige Berufsschülerin. Die Videos drehe sie als Beifahrerin ihrer Kolleginnen. «Ich möchte damit schöne Umgebungen und coole Musik mit meinen Followern teilen.» Auch gehe es ihr darum, das Freiheitsgefühl des Autofahrens zum Ausdruck zu bringen. «Im Gegensatz zum ÖV kann man einfach einsteigen und losfahren», sagt die Lernfahrerin.

Gleichzeitig am Steuer sitzen und filmen werde sie aber auch nicht, wenn sie den Führerschein in der Tasche habe, sagt Vanessa. «Viele Kollegen machen Handyvideos und wollen zeigen, wie lässig sie sind, wenn sie nur mit einer Hand am Steuer sitzen – das ist gefährlich.» Auch gehe es ihnen darum, mit der Automarke zu prahlen.

«Videos haben beruhigenden Effekt»

Karin Frick, Trendforscherin beim Gottlieb Duttweiler Institut, bezeichnet die Videos als inhaltslos. «Sie sind nicht spannender als Gopro-Videos von Leuten auf der Skipiste oder Let's Play Games», sagt Frick. Dennoch träfen solche Beiträge bei vielen Usern auf Interesse. «Weil nichts passiert und Autofahren für jeden Menschen etwas Normales ist, haben solche Videos einen beruhigenden Effekt.» Frick vergleicht dies etwa mit dem Webcam-Livestream einer Strassenkreuzung in Jackson Hole. Obwohl darin nichts weiter als ein normales Alltagsgeschehen zu sehen war, entbrannte um den Livestream 2016 ein Hype.

Fahrlehrerverbände hingegen halten die Aufnahmen für risikoreich. «In den Fahrschulen machen wir darauf aufmerksam, dass man sich auf den Verkehr konzentriert und auf nichts anderes», sagt Willi Wismer, Präsident des Zürcher Fahrlehrerverbands.

Langsamere Reaktion

Laut Wismer ist es auch nicht ungefährlich, wenn man die Autofahrt mit einer Gopro-Kamera filmt. «Sobald die Kamera läuft, ist der Lenker mit dem Kopf mehr bei seiner Video-Show als beim Verkehr und reagiert daher in unerwarteten Situationen langsamer.» Zudem bestehe auch noch die Gefahr, dass man die Hände vom Steuer nehme, um die Kamera einzustellen.

Unaufmerksamkeit und Ablenkung am Steuer im Zusammenhang mit Handykonsum zählen zu den häufigsten Unfallursachen. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung hält fest: «Wer Auto fährt, schaut auf die Strasse und hat die Hände am Steuer.» Andernfalls ist je nach Fall mit einer Busse, dem Führerausweisentzug oder sogar einer Freiheitsstrafe zu rechnen.

Die Autorin von «Zeitjung» redet den Auto-Instagrammern zudem ins Gewissen: «Es reicht ein leichter Schlenker nach links oder rechts und ihr hängt mit dem Kotflügel an einem anderen Auto.»

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