05.11.2020 16:15

«Auch für Cocktailfans finde ich den passenden Wein»

Mit nur 29 Jahren ist Marc Almert der beste Sommelier der Welt. Er verrät uns, wie man auch als Anfängerin den perfekten Wein entdeckt, wie er mit Bierliebhabern umgeht und was ihn an der Weinwelt stört.

von
Lucien Esseiva
5.11.2020

Marc Almert, können Sie sich noch an Ihr erstes Glas Wein erinnern?

Nicht wirklich. Zu Beginn meiner Karriere wollte ich gar nicht in Richtung Wein gehen, sondern Physiker werden. Dieser Bereich hat mir dann doch nicht so viel Spass wie die Gastronomie gemacht, darum habe ich eine Ausbildung zum Hotelfachmann begonnen. Zu Wein habe ich also erst über Umwege gefunden.

Hat Ihnen Wein schon immer geschmeckt?

Die ersten Weine, die ich getrunken habe, haben mir nicht sonderlich zugesagt. Mit der Zeit, nach vielen Verkostungen und Besuchen auf Weingütern, habe ich dann doch noch welche gefunden, die mir schmecken. Das war die Initialzündung und ich wollte genauer wissen, warum mir gewisse Weine besser schmecken als andere.

Im März 2019 gewann Marc Almert die Weltmeisterschaft der Association de la Sommellerie Internationale in Antwerpen. Er setzte sich gegen 66 Teilnehmer durch und ist erst der zweite Deutsche, der diesen Titel trägt. 

Im März 2019 gewann Marc Almert die Weltmeisterschaft der Association de la Sommellerie Internationale in Antwerpen. Er setzte sich gegen 66 Teilnehmer durch und ist erst der zweite Deutsche, der diesen Titel trägt.

Sven German
An der Sommelier-Weltmeisterschaft kann man nur ein Mal im Leben antreten, den Titel trägt der Gewinner für drei Jahre. 

An der Sommelier-Weltmeisterschaft kann man nur ein Mal im Leben antreten, den Titel trägt der Gewinner für drei Jahre.

Sven German
Marc Almert arbeitet seit 2017 im Zürcher Luxushotel Baur au Lac, welches dieses Jahr zum besten Hotel der Welt gekürt wurde. 

Marc Almert arbeitet seit 2017 im Zürcher Luxushotel Baur au Lac, welches dieses Jahr zum besten Hotel der Welt gekürt wurde.

Sven German

Wein wurde lange etwas abgehoben dargestellt – das ist schade

Sommelier-Weltmeister Marc Almert über den etwas elitären Ruf von Wein.

Können Sie verstehen, dass junge Menschen teilweise Respekt vor Wein haben?

Absolut, weil Wein lange etwas abgehoben dargestellt wurde - was schade ist. Gerade in mediterranen Gebieten hat Wein mit Leichtigkeit, Geselligkeit und lockeren Lebenssituationen zu tun. Ich fände es schön, wenn man sich wieder mehr in diese Richtung bewegen würde. Wein ist übrigens gar nicht so kompliziert. Man muss eigentlich nur wissen, was einem schmeckt und was weniger.

Sie arbeiten im Baur au Lac in Zürich, einem der besten Hotels der Welt. Das ist nicht unbedingt eine Location, wo junge Menschen einfach so einkehren.

Das Baur au Lac ist sehr facettenreich. Im Sommer haben wir zum Beispiel die Terrasse, auf der man in entspannter Atmosphäre etwas trinken kann, und in unserer Brasserie Baur’s fühlen sich junge Gäste sehr wohl. Aber auch in unserem Fine-Dining-Restaurant Pavillon sind junge Gäste sehr willkommen.

Auf der Terrasse vom Zürcher Luxushotel kann jeder ungeniert einkehren. 

Auf der Terrasse vom Zürcher Luxushotel kann jeder ungeniert einkehren.

Baur au Lac
«Rosé war auf der Terrasse mit Abstand der meistverkaufte Wein», verrät Marc Almert. 

«Rosé war auf der Terrasse mit Abstand der meistverkaufte Wein», verrät Marc Almert.

Photo by Raissa Lara Lütolf (-Fasel) on Unsplash
Die stylische Brasserie Baur’s ist bei jungen Gästen äusserst beliebt. 

Die stylische Brasserie Baur’s ist bei jungen Gästen äusserst beliebt.

Baur au Lac

Ich nehme mein Gäste gerne an die Hand

Keine Ahnung von Wein? Kein Problem! Sommelier-Weltmeister Marc Almert hilft gerne.

Angenommen, ein Gast ist beim ersten Besuch etwas nervös. Was tun Sie?

Meine Aufgabe als Sommelier ist es, auf die Bedürfnisse des Gastes einzugehen und zu merken, ob er sich bereits mit Wein auskennt, oder vielleicht zum ersten Mal ein solches Lokal besucht. Will der Gast ein bisschen an die Hand genommen und beraten werden, dann mache ich das gerne.

Wie machen Sie das?

Das wichtigste ist ein offenes Gespräch. Kennt man sich mit Weinen nicht gut aus, braucht man das nicht zu kaschieren. Auch wenn jemand normalerweise nur Cocktails oder Bier trinkt, kann ich aufgrund dieser Vorlieben den passenden Wein empfehlen. Es ist ausserdem hilfreich, wenn man sagen kann, welche Weinregionen oder Traubensorten einem besonders zusagen.

Du trinkst am liebsten Cocktails, möchtest dich aber zur Abwechslung an Wein versuchen? Marc Almert kennt die richtige Flasche für dich. 

Du trinkst am liebsten Cocktails, möchtest dich aber zur Abwechslung an Wein versuchen? Marc Almert kennt die richtige Flasche für dich.

Photo by kyryll ushakov on Unsplash

Was für einen Wein empfehlen sie einem Gast, der bisher nur Cocktails oder Bier getrunken hat?

Alle Getränke haben eine gewisse Säure, Süsse oder Bitterkeit. Hat man zum Beispiel bisher nur Whiskey oder Craft Beer getrunken, dann weiss ich: okay, das wird eher ein Wein mit viel Tannin. Bevorzugt der Gast eher süsse Cocktails oder zum Beispiel Red Bull, dann empfehle ich ein Wein mit viel Frucht.

Muss man bei einem Besuch bei Ihnen das ganz dicke Portemonnaie mitbringen?

Das Budget spielt sicherlich auch eine Rolle und sollte bei der Suche nach dem richtigen Wein thematisiert werden. Wir haben aber im Baur au Lac bereits Weine ab 54 Franken pro Flasche auf der Karte es ist für alle etwas dabei.

Wir haben zirka 3600 Flaschen im Angebot

Bei der Weinauswahl im Baur au Lac könnte man schon die Übersicht verlieren.

Wie findet man sich in Ihrer Weinkarte ohne Hilfe zurecht?

Hier nutze ich mein Wissen im direkten Gespräch mit dem Gast. Wir haben im Pavillon zirka 600 Flaschen Wein auf der Karte, ausserdem haben wir von Baur au Lac Vins nochmal etwa 3000 Positionen, die wir anbieten können. Da ist es als Einsteiger schon nicht ganz einfach, den richtigen Wein zu finden. Aus dem Gespräch und den Vorlieben, in Kombination mit dem bestellten Essen, können wir das gut eingrenzen.

Was sollte man sich sonst noch überlegen?

Es hilft, wenn man sich zum Beispiel an vergangene Reisen erinnert und sich überlegt, was man dort für Weine getrunken hat. Gut möglich, dass die auch beim Dinner in der Heimat noch gut schmecken.

Was kann man tun, wenn man sich einfach nicht entscheiden kann?

Dann empfehle ich die Weinbegleitung. Wir bieten eine rein schweizerische und eine Weinbegleitung mit internationalen Weinen an. Das ist die einfachste Variante, weil alles schon ausgesucht und aufs Essen abgestimmt ist. Mit dieser Variante kann man sich einfach zurücklehnen und geniessen.

Bio und Nachhaltigkeit werden immer wichtiger

Marc Almert über Weintrends.

Beobachten Sie bei jungen Weintrinkern momentan besondere Trends?

Zwei, die bestimmt noch lange bleiben werden, sind Bio und Nachhaltigkeit. Es wird den Kunden immer wichtiger, ob ein Weingut zertifiziert ist oder nicht. Orange Wine ist sicherlich ein Thema, diese Weine werden aber noch nicht so stark nachgefragt. Ausserdem glaube ich, dass man immer offener für neue und wiederentdeckte Weinregionen, wie zum Beispiel Griechenland oder Portugal, wird. Ein Trend, den ich schon länger beobachte, ist Roséwein, das war einer der meistbestellten Weine diesen Sommer auf unserer Terrasse.

«Junge Weintrinker bringen heute mehr Wissen mit als früher», sagt Marc Almert und führt das unter anderem auf Wein-Apps, wie Vivino zurück.

«Junge Weintrinker bringen heute mehr Wissen mit als früher», sagt Marc Almert und führt das unter anderem auf Wein-Apps, wie Vivino zurück.

Er findet das gut, weil solche Community-Based-Bewertungen die Übermacht von einigen Weinkritikern schmälert. 

Er findet das gut, weil solche Community-Based-Bewertungen die Übermacht von einigen Weinkritikern schmälert.

Es komme pro Abend mehre Male vor, dass ein Gast das Smartphone zückt und den Wein mit der App abfotografiert. 

Es komme pro Abend mehre Male vor, dass ein Gast das Smartphone zückt und den Wein mit der App abfotografiert.

Wie haben sich junge Weintrinkerinnen in den letzten Jahren verändert?

Sie bringen heute viel Offenheit und Wissen mit. Dabei darf man das Smartphone nicht vergessen. Ich erlebe es jeden Abend mehrere Male, dass Gäste die Flasche mit einer Wein-App namens Vivino fotografieren, um mehr über den Wein zu erfahren. Ich finde das gut, weil das die Übermacht einiger Weinkritiker schmälert und man so langsam dazu übergeht, ein Community-Based Bewertungssystem zu entwickeln. Es ist spannend zu beobachten, wie so neue Trends entstehen.

Was ist Ihr abschliessender Ratschlag an junge Weintrinker?

Merk dir Regionen und Rebsorten, die dir gefallen haben - darauf kann man aufbauen. Und vertraue deinem persönlichen Geschmack. Denn wenn dir ein Wein schmeckt, dann stimmt das auch. Niemand hat dir vorzuschreiben, was du zu trinken hast.

Was trinkt der Sommelier-Weltmeister eigentlich privat?

«Diese Frage ist für einen Sommelier fast unmöglich zu beantworten, aber ich muss zugeben, bei Weinen aus Südafrika schlägt mein Herz gleich immer etwas schneller. Ich war schon zwei Mal in diesem atemberaubend schönen Weinbauland und habe dort unter anderem die Weine aus Bot River, einer kleinen Gegend unweit der Whale-Spotting-Stadt Hermanus für mich entdeckt. Besonders gefällt mir der Shiraz von Luddite – der Wine Maker ist ein inspirierender Mensch und der Shiraz ist fast schon eher ein Syrah, sprich ein eleganter Vertreter dieser würzigen Sorte. Ein paar ältere Jahrgänge dieses Weins hüte ich in meinem privaten Weinkeller.»

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1 Kommentar
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SA

05.11.2020, 17:52

Echt beeindruckend in solch jungen Jahren Sommelier-Weltmeister zu. Chapeau!