Live in Zürich: Coldplay haben all den Hass nicht verdient
Aktualisiert

Live in ZürichColdplay haben all den Hass nicht verdient

Mit Coldplay spielt dieses Wochenende eine der grössten, aber auch umstrittensten Bands in Zürich. 20 Minuten war am ersten Abend live dabei.

von
Neil Werndli

Coldplay ist eine Band, die man gerne hasst. Sänger Chris Martin hat sich mit seiner verkuschelten Art und dem Einkaufszentrum-Rock zum Feindbild der Musikgemeinde gemacht.

Trotzdem gehören die Briten zu den grössten Acts unserer Zeit. Dieses Wochenende spielen Coldplay zwei ausverkaufte Konzerte im Zürcher Letzigrund und beweisen mit einer visuell beeindruckenden Show, dass man sie ohne schlechtes Gewissen mögen darf.

Ein Trip im Konfettiregen

Bevor Coldplay die Bühne betreten, werden auf den blütenförmigen Screens Aufnahmen von Fans aus aller Welt gezeigt. Das Feuerwerk, das den Eröffnungssong «A Head Full of Dreams» begleitet, hätte im Dunkeln wohl besser gewirkt. Es wird jedoch bereits klar: Chris Martin und seine Männer fahren hier grosses Geschütz auf.

Die Tour ist dem knalligen Artwork des neuen Coldplay-Albums «A Head Full of Dreams» nachempfunden: Bunte Blumen, bunte Outfits und Laser, bunter Konfettiregen – ironischerweise wirkt die Show der wohl bravsten Band der Welt wie ein Acid-Trip.

Zu viel ist nicht genug

Der psychedelische Effekt wird unterstützt von den sogenannten Xylobands, die wie bereits bei der Tour von 2012 an alle Besucher verteilt werden. Die Armbändchen leuchten passend zu den Songs in verschiedenen Farben auf (gelb zu «Yellow» – raffiniert!) und verwandeln das Letzigrund in einen Sternenhimmel («A Sky Full of Stars» – ha!).

Zu viel ist bei Coldplay noch nicht genug. Man will gar nicht wissen, wie viel Geld mit dem Abschluss-Feuerwerk in den Zürcher Nachthimmel geballert wird. Böse Zungen könnten nun behaupten, die Effekthascherei lenkt von der Tatsache ab, dass Coldplay ihren musikalischen Zenit überschritten haben. Es sind nämlich vor allem ältere Nummern wie «Fix You», «Clocks» oder «Viva La Vida», die das Letzigrund in Ekstase versetzen. Und wenn das ganze Stadion den Refrain von «The Scientist» mitsingt, kann auch der kurze Nieselregen die Stimmung nicht mehr ruinieren.

Chris Martin war in Zürich beim Arzt

Martin ist zweifelsohne ein grossartiger Frontmann. Laut eigener Aussage musste der Ärmste am Nachmittag noch zum Arzt weil er sich unwohl fühlte. Trotzdem: Wenn er wie ein Kind Flugzeug spielt und auf dem Steg durch das Stadion rennt – «ooh-oh-ooooh» – legt er insgesamt wohl mehrere Kilometer zurück. Der 39-Jährige ist ein Entertainer wie er im Buche steht. Er ist allerdings auch die Art Rockstar, die man mit seiner Oma zum Bingospielen schicken könnte. Und er hätte dabei wohl den Spass seines Lebens. Chris Martin ist das musikalische Äquivalent zu Sven Epiney. Nur etwas schlechter gekleidet.

Für ruhigere Stücke wechseln Coldplay auf die kleine Bühne am Ende des Steges. Balladen wie «Magic» wirkten aber eher fehl am Platz. Es hilft auch nicht, dass Chris Martin einen Song verhaut, in der Hälfte abbricht («I fucked up, that's unprofessional, I'm sorry.») und neu starten muss. Dasselbe passiert ihm im zweiten Unplugged-Set. Die süsse Entschuldigung: Er hatte die Proben am Nachmittag wegen des Arzt-Termins verpasst.

Sie haben die Liebe verdient

Man kann aber noch so lange auf Coldplay rumhacken, objektiv betrachtet ist die universelle Abneigung eigentlich nicht gerechtfertigt: Die Band schreibt ihre Songs selbst und spielt live. Ihre Musik hat sich im Laufe ihrer Karriere immer wieder entwickelt und wird nicht mit billigen Tricks an Teenies verkauft. Und auch die Show im Letzigrund hat gezeigt: Coldplay haben die Liebe ihrer Fans verdient. «Ooh-oh-ooooh!»

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