Notfalls kommt die Polizei - Contact-Tracern schlägt am Telefon Unverständnis, Wut und Hass entgegen
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Notfalls kommt die PolizeiContact-Tracern schlägt am Telefon Unverständnis, Wut und Hass entgegen

Durchschnittlich zwei Mal pro Woche schaltet das Contact Tracing des Kantons Bern die Polizei ein. Der Berner Tracing-Chef Johannes Martz über die Herausforderungen seines Teams.

von
Christian Holzer
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Contact-Tracerinnen und -Tracer erleben am Telefon unangenehme Situationen. 

Contact-Tracerinnen und -Tracer erleben am Telefon unangenehme Situationen.

20min/Matthias Spicher
Der Kanton gibt den Arbeitsort des Teams bewusst nicht bekannt: «Es kam auch schon vor, dass eine Person unten beim Eingang getobt hat», sagt Johannes Martz, operativer Leiter des Contact Tracings des Kantons Bern.

Der Kanton gibt den Arbeitsort des Teams bewusst nicht bekannt: «Es kam auch schon vor, dass eine Person unten beim Eingang getobt hat», sagt Johannes Martz, operativer Leiter des Contact Tracings des Kantons Bern.

20min/Matthias Spicher
Viele seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befinden sich derzeit in einer Erholungsphase. Mit den steigenden Fallzahlen kehrt jedoch auch immer mehr Personal an den Arbeitsplatz zurück.

Viele seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befinden sich derzeit in einer Erholungsphase. Mit den steigenden Fallzahlen kehrt jedoch auch immer mehr Personal an den Arbeitsplatz zurück.

20min/Matthias Spicher

Darum gehts

  • Nach einem arbeitsintensiven Winter und Frühling können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Contact Tracing Kanton Bern derzeit durchatmen.

  • Wegen der steigenden Fallzahlen stellt sich das Team bereits auf die nächste Welle vor.

  • Mit digitalen Lösungen sollen im Herbst viel mehr Fälle mit weniger Personal bearbeitet werden können.

  • Bei ihrer Arbeit schlägt dem Personal auch Wut und Hass entgegen.

Es finden Festivals statt, Grossgruppen speisen zusammen im Restaurant, an kaum einem Ort müssen sich Besucherinnen und Besucher noch registrieren: Schweizerinnen und Schweizer geniessen die Covid-Freiheiten derzeit in vollen Zügen. Wegen steigender Fallzahlen fürchten Experten bereits eine nächste Welle. Auch Johannes Martz, seit einem Jahr operativer Leiter des Contact Tracings des Kantons Bern, hat ein ungutes Gefühl, wenn er auf die aktuellen Zahlen blickt. Während sein Betrieb im Winter mit über 200 Angestellten auf Hochtouren lief, befinden sich die Contact-Tracerinnen und -Tracer derzeit in einer Erholungsphase: «Viele sind in den Ferien und gönnen sich eine Auszeit.» Mit den steigenden Fallzahlen kehrt nun auch immer mehr Personal zurück an den Arbeitsplatz. Der Job sei alles andere als ein Zuckerschlecken: «Wenn wir anrufen, dann setzen wir Menschen fest, wir isolieren sie. Das hat natürlich einen gewaltigen Einschlag und stimmt nicht mit dem Freiheitsgedanken von allen überein.»

Aus diesem Grund hätte das Team regelmässig Probleme am Telefon: «Ihnen schlägt auch mal Unverständnis, Wut oder gar Hass entgegen.» Die Arbeitnehmenden seien jedoch gut für solche Situationen geschult, würden begleitet und entsprechend geschützt. So ist der Öffentlichkeit etwa nicht bekannt, wo sich die Arbeitsplätze befinden: «Es kam auch schon vor, dass eine Person unten beim Eingang getobt hat.» Seither seien die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt worden.

Zwei Mal pro Woche wird die Polizei aufgeboten

Auch sei die Akzeptanz der verhängten Isolierungs- oder Quarantäneanweisungen nicht immer gegeben: «Wir hatten auch schon Fälle von Personen, die während ihrer Quarantäne in die Berge fuhren.» In solchen Fällen würde jeweils die Kantonspolizei eingeschaltet. Diese stattet den Betroffenen einen Besuch Zuhause ab und überreicht eine Verfügung: «Das ist eine gute Handhabung, um den Ernst der Lage zu vermitteln», sagt Martz. Zu diesem Mittel würde etwa zwei Mal pro Woche gegriffen. «Im Grossen und Ganzen macht die Bevölkerung aber sehr gut mit.»

Mit der Einführung des Zertifikats wurde der Job der Tracerinnen und Tracer aufwendiger. Dies weil bei Zusammenkünften und Veranstaltungen nicht mehr alle Kontaktdaten gesammelt und dem Contact Tracing übermittelt werden müssen. «Wir schauen bei jedem Fall 14 Tage zurück. Mit dem Backward-Tracing wollen wir den Ausgangspunkt einer Ansteckung ausfindig machen», so Martz und ergänzt: «Und dann stehen wir vor der grossen Aufgabe, dass wir über die ganze Such-Kette potentielle Virenträger informieren sollten, die wir gar nicht kennen.» Künftig werde die Zusammenarbeit mit den Veranstaltern und Medien noch wichtiger.

Mehr Tempo für die nächste Welle

Der Berner stellt sich darauf ein, dass die Fallzahlen im Herbst nochmals deutlich zunehmen könnten – er hat das Team strategisch entsprechend aufgestellt: «Wir haben ein fixes Kernteam und daneben viele sogenannte Springerinnen und Springer, welche wir rasch und kurzfristig zur Unterstützung aktivieren können.» Daneben wurde und wird intensiv an der Digitalisierung der Abläufe gearbeitet: «Das Ziel ist, dass wir im Herbst noch schneller und digitaler arbeiten können.» Nur noch abnorme Fälle sollen Personalressourcen binden – das meiste wird dann vollautomatisch verlaufen. «Sollte es zu einer weiteren Welle kommen, werden wir mit deutlich weniger Personen deutlich mehr Fälle bearbeiten können.»

Damit es nicht zu einer nächsten Welle käme, sei es wichtig, dass sich möglichst viele Personen aus der Bevölkerung impfen lassen würden: «Für uns sinkt jedoch das Arbeitsvolumen nicht per se mit steigenden Impfquoten.» Dies nicht zuletzt wegen dem Datenschutz: «Würden die Impf-Datenbank und diejenige des Contact-Tracings zusammengelegt werden, würde das unsere Arbeit sehr erleichtern.» Derzeit müsste der Impfstatus jeder Person einzeln abgeklärt werden, was viel Zeit in Anspruch nehme. «Bekommen wir auch noch diesen Schritt automatisch hin, wären wir in der Bekämpfung der Pandemie einen enormen Schritt weiter.»

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