Aktualisiert 01.10.2010 09:25

Doping

Contador: Opfer oder Täter?

Die bei Alberto Contador nachgewiesene Menge von Clenbuterol lässt viele Fragen offen. Schon jetzt vertreten Wissenschaftler gegensätzliche Thesen.

Dass Contador in der Tour de France einen in der Fachsprache «nicht-negativen Test» abgeliefert hat, schlug an der WM in Australien wie eine Bombe ein. Die Zeitungen berichteten über den Fall in gleichem Masse wie über den vierten WM-Triumph im Zeitfahren des überaus populären Fabian Cancellara. Aus der Ferne mahnten Beobachter der Profiradsport-Szene zu Vorsicht und Ruhe, bis stichhaltige Informationen vorliegen.

«Wir müssen abwarten, bis wir mehr wissen», sagte David Millar, der Silbermedaillengewinner des Elite-Zeitfahrens. Dass sich der Brite zurückhaltend gab, beruht auch auf seiner eigenen Erfahrung. Ihm war der WM-Titel 2003 in Hamilton (Ka) aberkannt worden. Zudem sass er eine zweijährige Sperre ab, nachdem er den EPO-Missbrauch zugegeben hatte.

Nicht leistungsfördernde Dosis?

Für Contador sprach sich Jonathan Vaughters aus, der frühere Profi, der in seinem Team Garmin-Transitions eine rigorose Dopingkontrolle in Gang gebracht hat. Auch Johan Bruyneel, unter dessen Führung Contador in den Jahren 2007 bis 2009 fuhr, sprach davon, er könne sich nicht vorstellen, dass der Spanier seine Leistung manipuliert habe. In der Tat ist die Konzentration in der am 21. Juli am Ruhetag in Pau genommenen Probe so gering, dass viele Wissenschaftler sie als nicht leistungsfördernd betrachten.

Mit seiner abenteuerlichen Behauptung, der Nachweis von Clenbuterol sei auf den Verzehr von verunreinigtem Fleisch zurückzuführen, findet Contador sogar wissenschaftliche Unterstützung. Zwei Tage, nachdem das positive Ergebnis bekannt geworden war, sass der Spanier in Aigle mit den UCI-Verantwortlichen an einem Tisch und liess sich von ihnen einen Experten empfehlen. So kam Contador in Kontakt mit Dr. Douwe de Boer, der dem dreifachen Sieger der Tour de France eine lange Liste von vergleichbaren Fällen zusammenstellte. Zudem, so der Wissenschaftler, sei der bei Contador festgestellte Wert von 50 Pikogramm 180-mal geringer als die Menge, die einen leistungssteigernden Effekt zur Folge haben könnte.

Indirektes Opfer eines Disputs

Indirekt ist Alberto Contador ein Opfer des seit langem anhaltenden Disputs zwischen der französischen Antidopingagentur AFDL und dem Rad-Weltverband UCI. In diesem Jahr wurden nämlich die Proben von Paris - Nizza und der Tour de France erstmals nicht mehr im Labor Châtenay-Malabry analysiert, sondern in Köln. Die Deutschen sind im Nachweis von Clenbuterol weit fortgeschritten und als einziges Laboratorium in der Lage, solche Mikrospuren im Grenzbereich wie bei Contador nachzuweisen.

Oder doch eine Eigenblut-Therapie?

Es gibt allerdings auch eine andere Theorie, die der Dopingspezialist Rasmus Damsgaard gegenüber dem dänischen Sender TV2 vertrat. Demzufolge könnte Contador am Ruhetag eine Transfusion von Eigenblut gemacht haben, das ihm Monate vorher abgenommen worden war, als er Clenbuterol benutzte.

Bis wenigstens ein Teil der Wahrheit bekannt ist, werden viele Wochen, wenn nicht sogar Monate ins Land ziehen. Angesichts der geringen Menge, die Contador nachgewiesen wurde, sind die Aussichten des Spaniers auf einen Freispruch vor einem Schiedsgericht gut. Wie üblich in solchen Fällen können sich die Wissenschaftler und Juristen auf lukrative Aufträge freuen.

(si)

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