Aktualisiert 13.10.2018 07:16

Fluchender Swiss-Pilot

«Cooler Pilot, von denen sollte es mehr geben»

Wegen seiner energischen Reaktion auf den verspäteten Abflug erhält ein Swiss-Pilot viel Zuspruch. Müssten wir unseren Ärger öfter kundtun?

von
Noah Zygmont
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Eine Swiss-Maschine ist zum Abflug bereit, darf aber noch nicht starten.

Eine Swiss-Maschine ist zum Abflug bereit, darf aber noch nicht starten.

Keystone/Christian Merz
Per Funk erkundigt sich der Pilot, was los sei. Er wechselt von Englisch auf Schweizerdeutsch und rastet aus.

Per Funk erkundigt sich der Pilot, was los sei. Er wechselt von Englisch auf Schweizerdeutsch und rastet aus.

Keystone/Christian Merz
Die Verärgerung des Piloten über die Verspätungssituation sei nachvollziehbar, heisst es bei der Fluggesellschaft Swiss. Dass er seine Verärgerung zum Ausdruck gebracht habe, sei menschlich.

Die Verärgerung des Piloten über die Verspätungssituation sei nachvollziehbar, heisst es bei der Fluggesellschaft Swiss. Dass er seine Verärgerung zum Ausdruck gebracht habe, sei menschlich.

Keystone/Christian Merz

Ein Swiss-Pilot ärgerte sich über den verspäteten Abflug seiner Maschine. Dem Tower funkte er, dass das Flugzeug seit 30 Minuten bereit sei, der Slot aber permanent verschoben werde. «Es ist heute wieder mal zum Kotzen hier in Zürich, ich habe die Schnauze voll von diesem Drecksplatz», sagte er.

Von Lesern erhält er viel Zuspruch: «Seine ehrlichen Emotionen: ‹Ja, ja› am Schluss – der Knaller! Als Passagier vertrete ich absolut und ganz seine Ansichten. Einfach Danke schön», schreibt etwa Leser Russkij. Pia schreibt: «Cooler Pilot, von diesen Menschen sollte es mehr geben.» Aber auch die Frau aus dem Tower bekommt viele positiven Rückmeldungen für ihre Antworten: «Die Reaktion vom Tower fand ich ebenso cool. Gut gemacht auf beiden Seiten. Schön, dass ‹äs no chli menschele dörf›», kommentiert Tinkerbell.

Viele halten die Reaktion für nachvollziehbar – auch, weil man sich stark mit der Thematik identifizieren kann, wie der Psychologe Thomas Steiner und der Soziologe Ueli Mäder erklären.

Warum erhält der Pilot so viel Zuspruch?

Steiner: Weil alle irgendwie betroffen sind. Auch mir ging es vor kurzem so, als ich den Anschlussflug wegen einer Verspätung verpasst habe. Als Fluggast lässt man den Frust am Piloten oder seiner Besatzung raus, obwohl diese meistens nichts dafürkönnen.

Mäder: Irgendwie ist es nachvollziehbar, so was kann mal passieren. Aber trotzdem finde ich, in so einer Position müsste ihm seine Rolle bewusster sein. Er hätte auch gegenüber Mitbetroffenen eine Gelassenheit ausstrahlen müssen. Der Pilot drückt aus, was uns wichtig ist. Wir lieben die Pünktlichkeit, sind von ihr verwöhnt. Und wenn nicht alles wie am Schnürchen läuft, haben wir das Gefühl, die Welt gehe unter.

Müssen wir uns grundsätzlich mehr ärgern?

Steiner: Nein, das finde ich nicht. Ich kann den Frust nachvollziehen – aber gerade wir in der Schweiz haben eigentlich wenig Grund, uns am laufenden Band zu ärgern. Wir haben ja fast alles. Es ist leider oft so, dass der Ärger dort landet, wo er eigentlich nicht hingehört. Man lässt den Frust beim Nächstbesten raus.

Mäder: Es ist schwierig, das pauschal zu sagen. Es gibt Situationen, da ist es gut, wenn man das Problem direkt anspricht. Wenn jemand mal ausruft, finde ich das auch nicht weiter schlimm. Ich selber bin manchmal auch etwas lauter, wenn ich etwa beim Fussball gefoult werde.

Warum ärgern wir uns so häufig?

Steiner: Man muss mehr über sich selber nachdenken, als den Fehler bei anderen zu suchen. Als Beispiel nehme ich den Strassenverkehr. Da nerven wir uns alle mal. Wenn man im Stau steht, neigt man gerne einmal dazu, auf die Hupe zu drücken. Trotzdem müsste man sich jetzt fragen, ob man nicht selbst schuld ist, weil man schlichtweg zu spät aus dem Haus gegangen ist.

Mäder: Die einen rufen rasch aus, andere ärgern sich verhalten. Meistens richtet sich unsere Kritik auch an uns selbst. Uns gefällt oder stört bei anderen, was wir von uns selbst kennen. Eben, dass wir so pünktlich sind. Oder zu wenig.

Also sind wir Schweizer «Nörgler»?

Steiner: Wir sind ein Volk, das schnell unzufrieden ist. Obwohl wir selbst lieber Anerkennung haben, sind wir sehr schnell bereit, andere zu kritisieren, wenn nicht alles perfekt ist. Da gefällt mir der italienische Lebensstil besser: Leben und leben lassen!

Über was haben Sie sich kürzlich geärgert?

Steiner: Mich nervt, dass der Egli aus dem nahen Zürichsee pro 100 Gramm acht Franken kostet, der Egli aus der EU aber nur fünf. Gopfried Stutz, warum kostet der aus dem nahen Zürichsee fast doppelt so viel?!

Mäder: Als letzte Woche die Regionalzeitung bei mir nicht verteilt wurde. Das ärgerte mich in diesem Moment ziemlich. Mehr Gelassenheit macht den Alltag jedenfalls lebendiger.

Thomas Steiner ist Fachpsychologe für Psychotherapie.

Ueli Mäder ist emeritierter Soziologe an der Universität Basel.

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