Aktualisiert 18.05.2020 15:40

Bio-Lebensmittel von Rapunzel

Coop nimmt Produkte von Corona-Skeptiker aus Sortiment

Der Gründer und Geschäftsführer des deutschen Biolabels Rapunzel, Joseph Wilhelm, teilt Verschwörungsmythen auf der Firmenwebsite. Coop hat entschieden, die Produkte nicht weiter zu vertreiben.

von
Anja Zingg, Zora Schaad

Darum gehts

  • Der Geschäftsführer von Rapunzel teilt regelmässig seine Gedanken mit der Öffentlichkeit.
  • Auf der Firmenwebsite schreibt er, dass Corona «eine Aufgabe im grossen Spiel der Naturkräfte» erfülle.
  • Hinter der Angst vor dem Coronavirus steckten «kommerzielle Interessen»
  • Mit den als «Errungenschaft dargestellten» Abtreibungen würden laut Wilhelm «Leben verhindert».
  • Coop Vitality hat unter anderem im Zuge der 20 Minuten Recherche entschieden, die Rapunzel-Produkte aus dem Sortiment zu nehmen.
  • Wenn Autoritätspersonen verschwörerisches Gedankengut teilen, sei dies gefährlich, so ein Verschwörungstheorie-Experte.
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Joseph Wilhelm (66), Gründer und Geschäftsführer der Bio-Lebensmittelmarken Rapunzel und Zwergenwiese, sorgt mit Verschwörungsmythen rund um die Corona-Pandemie für rote Köpfe.

Joseph Wilhelm (66), Gründer und Geschäftsführer der Bio-Lebensmittelmarken Rapunzel und Zwergenwiese, sorgt mit Verschwörungsmythen rund um die Corona-Pandemie für rote Köpfe.

Rapunzel.de
Viren seien «intelligente Wesen», die ihre Aufgabe «im grossen Spiel der Naturkräfte» erfüllten, schreibt er auf der Homepage von Rapunzel.

Viren seien «intelligente Wesen», die ihre Aufgabe «im grossen Spiel der Naturkräfte» erfüllten, schreibt er auf der Homepage von Rapunzel.

rapunzel.de
Vor seinem geistigen Auge sieht Wilhelm bereits «Jagdkommandos, die widerstrebige Impfgegner einfangen und zwangsimpfen».

Vor seinem geistigen Auge sieht Wilhelm bereits «Jagdkommandos, die widerstrebige Impfgegner einfangen und zwangsimpfen».

rapunzel.de

Joseph Wilhelm (66), Gründer und Geschäftsführer der Bio-Lebensmittelprooduzenten Rapunzel und Zwergenwiese, sorgt mit Verschwörungsmythen rund um die Corona-Pandemie für rote Köpfe: Viren seien «intelligente Wesen», die ihre Aufgabe «im grossen Spiel der Naturkräfte» erfüllten. Hinter der «Todesangst» vor dem Coronavirus steckten «kommerzielle Interessen». Vor seinem geistigen Auge sieht Wilhelm bereits «Jagdkommandos, die widerstrebige Impfgegner einfangen und zwangsimpfen». Auch aus seiner Ablehnung von Abtreibungen macht der Bio-Unternehmer in seinen regelmässig als «Wochenbotschaften» auf seiner Firmenwebsite erscheinenden Texten keinen Hehl.

Der Nutzer @Alert4_Alert4 kritisierte Wilhelms Texte auf Twitter und stiess damit auf grosses Interesse. Seit Montagmittag sind diese auf der Firmenhomepage allerdings nicht mehr abrufbar.

«Die Behauptungen sind reinste Schwurbelei»

Marko Kovic ist Kommunikationswissenschafter mit Spezialgebiet Verschwörungstheoreien. Kovic hält die Aussagen von Wilhelm für problematisch. «Natürlich sind die Behauptungen reinste Schwurbelei ohne Realitätsbezug, aber Wilhelm kommuniziert als eine Art Autoritätsperson.» Der Umstand, dass er ein erfolgreicher Unternehmer sei, verleihe im Glaubwürdigkeit. «Das lässt vermuten, dass er auch in anderen Bereichen kompetent ist.» Was er sage, werde darum ernst genommen, egal, wie falsch es sei.

Coop Vitality nimmt Produkte aus dem Sortiment

In der Schweiz werden Rapunzel-Produkte unter anderem von Farmy, Müller Reformhaus und Coop Vitality vertrieben. Auf Anfrage von 20 Minuten teilt Coop Vitality mit, dass der Detailhändler in keinster Weise hinter Wilhelms Äusserungen stehen könne: «Wir distanzieren uns von solchen Aussagen und haben uns entschieden, diese Artikel aus dem Sortiment zu nehmen», so eine Sprecherin. Schon vorher habe man sich mit dem Gedanken getragen, die Produkte mangels Nachfrage auszulisten. Auch Müller-Reformhaus, zu denen auch der Online-Händler Vital Shop und das Reformhaus Egli gehören, schreibt, dass sich das Unternehmen in «aller Form distanziere». Gleichzeitig betont die Reformhauskette allerdings auch, dass es sich bei den Äusserungen um eine Privatmeinung handle, die «in keinerlei Zusammenhang mit der Geschäftsbeziehung stehe.» Farmy teilt lediglich mit, dass sie Einzelmeinungen nicht kommentieren möchten.

Es sei einfach zu sagen, dass die Produkte nichts mit den Verlautbarungen des Gründers zu tun hätten, sagt Kovic. Die öffentliche Information über dessen Philosophie findet der Wissenschaftler wichtig: «Ich denke, dass wir uns mit diesem Wissen im Hinterkopf als Konsumentinnen und Konsumenten zwei Mal überlegen, was für Gedankengut wir mit unseren Einkäufen indirekt unterstützen.»

Rapunzel-Chef Joseph Wilhelm hat in der Zwischenzeit mit einer Stellungnahme reagiert: Darin schreibt er, dass gewisse Aussagen rückwirkend überzogen erscheinen. Er betont jedoch, dass seine Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen wurden und reduziert und verfälscht wiedergegeben wurden.

Der Heiligenschein-Effekt

Unter dem «Halo-Effekt» versteht man die Fehlbeurteilung von Menschen. Dies passiert, in dem von einem einzelnen markante Merkmal auf die ganze Person geschlossen wird. So beurteilen wir einen erfolgreichen Mensch zum Beispiel automatisch als glaubwürdig. Sehr stark wirkt zudem die physische Erscheinung: Attraktive Personen würden automatisch als gesellig und erfolgreich wahrgenommen.

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454 Kommentare
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Nele64

19.05.2020, 12:41

Chapeau! Kaufe die Sachen schon länger nicht mehr, aufgrund der Haltung des Firmeninhabers

Isy

19.05.2020, 12:40

Beschwerdemail ging gerade raus. Schämt euch die faschistischen Pharmalobby zu unterstützen!!!

Kräuterhexe

19.05.2020, 12:37

Also Rapunzel in Zukunft bei Farmy bestellen. Mich interessiert die Qualität des Produkts, nicht die persönliche Meinung des Inhabers.