Aktualisiert 13.02.2019 06:08

Sprachenknatsch«Corinne, danke für dein Schweizerdeutsch»

Ski-Ass Corinne Suter sprach im ORF lieber Mundart als Hochdeutsch. Ist das richtig oder respektlos?

von
rol

Die zweifache WM-Medaillengewinnerin Corinne Suter (24) sorgte auch abseits der Piste für eine Überraschung. In zwei Interviews mit dem österreichischen ORF antwortete sie auf Schweizer- statt auf Hochdeutsch. «Das hat mich ein wenig erstaunt», sagt Helen Christen, Soziolinguistin der Uni Freiburg. Sie ist überzeugt: «In einem privaten Gespräch hätte sie mit ihrem Gegenüber wohl Hochdeutsch gesprochen.» Suters Verhalten spaltet die 20-Minuten-Leserschaft. «Peinlich» und «respektlos» sei ihre Verweigerung, kritisieren einige. Für sie ist klar: Die 24-Jährige hätte aus Anstand auf Hochdeutsch antworten sollen, damit alle Österreicher sie verstehen.

Der Mundartspezialist und Autor Christian Schmid widerspricht: «Das ist nicht unanständig, sondern ihre freie Entscheidung. Dass sie sich dieser bildungsbürgerlichen Forderung widersetzt, finde ich gut.» Schliesslich gebe es keinen Zwang, ins Hochdeutsche zu wechseln, wenn man sich dabei nicht wohlfühle. «In Mundart können wir uns viel klarer, verständlicher und emotionaler ausdrücken», betont Schmid. Ähnlich begründete die Skirennfahrerin ihren Entscheid: «Ich finde es immer speziell, wenn Schweizer Hochdeutsch sprechen. Denn es tönt schon etwas künstlich.»

Unwohl, verkrampft, minderwertig

Der Grossteil der Leser feiert Suter für ihr Statement zum Dialekt: «Sympathisch» und «authentisch» lautet der Tenor dieser Kommentare. Ein Leser schreibt gar: «Danke Corinne, dass du zu unserer Sprache stehst.» Einem patriotischen Hintergrund für Suters Verhalten, wie ihn einige Leser vermuten («sie zeigt Flagge und Nationalstolz»), kann Schmid nichts abgewinnen. «Das glaube ich nicht.» Suter wolle wohl nur vollständig mündig erscheinen und sich einfach in jener Sprache ausdrücken, die sie komplett beherrsche.

Denn ob in der Schule oder im Job: Viele Schweizer tun sich schwer damit, Hochdeutsch zu sprechen. Sie fühlen sich unwohl, verkrampfen sich, empfinden ihren Schweizer Akzent in der Schriftsprache als störend – vor allem im Gespräch mit Deutschen. «Viele Schweizer glauben, mit der zackigen und oft ausdrucksstarken Sprache der Deutschen nicht mithalten zu können und fühlen sich deshalb minderwertig, wenn sie sich ihrer Sprache anpassen.» Auch deshalb sei Suters Entscheid nachvollziehbar und begrüssenswert.

«Wenn ich kann, spreche ich Schweizerdeutsch»

Corinne Suter nimmt Stellung zu ihrem ORF-Interview.

Suter als Mundart-Vorreiterin?

Steht die Skirennfahrerin für das neue Selbstverständnis junger Schweizer? «Das wäre wohl etwas hochgegriffen», sagt Schmid. Aber das Selbstbewusstsein, die Mundart nach aussen zu tragen, sei in der Schweiz deutlich gestiegen. Er spricht von einer lebendigen Mundartkultur. Gerade die digitale Kommunikation, beispielweise auf Whatsapp, finde unter jungen Schweizern fast ausschliesslich in Mundart statt. «Auch kulturell äussern sich die Jungen heute viel stärker in ihren regionalen Dialekten.» So habe sich das Schweizerdeutsche in der Musik längst etabliert. «Bei unseren Nachbarn fristet die sprachregionale Dialektkultur dagegen noch eher ein Nischendasein», ergänzt er.

Wenn vermehrt Schweizer Personen des öffentlichen Lebens im deutschsprachigem Raum zur Mundart stünden, «könnte das vielleicht Schule machen», so Schmid. Er plädiert allerdings dafür, dass Schweizer ihren Komplex gegenüber dem Hochdeutschen ablegen – und sich trauen, mit Schweizer Akzent Hochdeutsch zu sprechen. «Man darf den Schweizer durchaus heraushören. Bei Bayern, Kölnern oder Österreichern hört man die regionale Sprachfärbung ja auch, und kaum einer stört sich daran.»

Lehrer sollten es vorleben

Um diese Hemmschwelle abzulegen, brauche es eine entsprechende Schulung, sagt Schmid: «Schweizer Schüler sollten in der Schriftsprache so unterrichtet werden, dass es für sie ganz normal wird, dass wir mit Schweizer Akzent Hochdeutsch sprechen.» Schliesslich sei Deutsch eine plurizentrische Sprache mit diversen Varietäten – je nach regionaler Herkunft des Sprechenden. Da sei Scham wegen der Dialektfärbung fehl am Platz.

Corinne Suter redet Mundart im ORF-Studio

Die Schwyzerin nach Abfahrtssilber im Gespräch mit Moderator Ernst Hausleitner. (Video: ORF)

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