Abgeschottetes Nordkorea: Corona-Ausbruch stellt Kim Jong-un vor Dilemma
Publiziert

Abgeschottetes NordkoreaCorona-Ausbruch stellt Kim Jong-un vor Dilemma

Mehr als zwei Jahre lang behauptete der nordkoreanische Machthaber, das Coronavirus könne seinem Land nichts anhaben. Nun hat das Virus Nordkorea erreicht und stellt die Abschottungspolitik Kims auf die Probe.

1 / 9
Der Corona-Ausbruch steht möglicherweise in Zusammenhang mit einer Militärparade Ende April: Der nordkoreanische Machthaber vor Hunderten Soldaten. (27. April 2022)

Der Corona-Ausbruch steht möglicherweise in Zusammenhang mit einer Militärparade Ende April: Der nordkoreanische Machthaber vor Hunderten Soldaten. (27. April 2022)

AFP/KCNA
Die Corona-Lage spitzt sich aktuell in Nordkorea offenbar dramatisch zu.

Die Corona-Lage spitzt sich aktuell in Nordkorea offenbar dramatisch zu.

AFP
Nordkorea hatte zuvor nie von einem Corona-Ausbruch im eigenen Land berichtet – nun hat sich das geändert.

Nordkorea hatte zuvor nie von einem Corona-Ausbruch im eigenen Land berichtet – nun hat sich das geändert.

AFP

Darum gehts

Für Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un war die Eigenständigkeit seines Landes immer oberstes Credo. Seit er vor mehr als zehn Jahren die Staatsführung übernahm, meidet er internationale Unterstützung und versucht, wirtschaftliche Probleme ohne Hilfe von aussen in den Griff zu bekommen.

Mutmasslich Hunderttausende Corona-Infizierte stellen Kim nun jedoch vor einen Scheideweg: Entweder er springt über seinen Schatten und lässt sich vom Ausland im Kampf gegen die Pandemie unterstützen. Oder er setzt wie bisher auf Abschottung und riskiert damit das Leben zahlreicher Landsleute.

«Kim Jong-un steht vor einem Dilemma, einem wirklich riesigen Dilemma», sagt Lim Eul Chul, Professor am Institut für Fernost-Studien der Kyungnam-Universität in Seoul. Wenn er die Hilfe der USA oder des Westens annehme, könne das die von ihm propagierte Selbständigkeit ins Wanken bringen und das Vertrauen der Öffentlichkeit in ihn könnte geschwächt werden.

Bereits 56 Tote und 1,5 Millionen Erkrankte

Doch auch Nichtstun könnte katastrophal enden. Nordkorea hatte in der vergangenen Woche einen Corona-Ausbruch eingeräumt. Seitdem seien 56 Menschen durch «ein sich explosionsartig verbreitendes Fieber» gestorben und rund 1,5 Millionen weitere seien daran erkrankt, hiess es aus Pyongyang. Externe Beobachter gehen davon aus, dass die Fieber- und Sterbefälle auf Covid-19 zurückzuführen sind.

Der Ausbruch ist zudem wahrscheinlich wesentlich schlimmer als bislang von den Staatsmedien berichtet. Die Zahl der Todesfälle sei niedrig für ein Land, in dem die meisten der 26 Millionen Einwohner nicht geimpft sind und die medizinische Versorgung unzureichend ist, sagen einige Experten. Sie gehen davon aus, dass Pyongyang das wahre Ausmass verschleiert, um Unruhen zu vermeiden, die Kim schaden könnten. Dass Nordkorea nicht über nennenswerte Testkapazitäten für eine umfangreiche Erfassung von Fällen verfügt, dürfte ebenfalls eine Rolle spielen.

Durch das offensichtliche Verschweigen von Todesfällen solle Kims Autorität während der «ersten und grössten Krise» seiner zehnjährigen Herrschaft gewahrt werden, sagte Nam Sung-wook, Professor an der Korea-Universität in Seoul.

Erinnerungsfotos mit dem Führer

Der Corona-Ausbruch steht möglicherweise in Zusammenhang mit einer Militärparade Ende April, an der Zehntausende Soldaten und Besucher teilnahmen. Kim machte im Anschluss daran mehrere Tage lang Erinnerungsfotos mit Teilnehmern der Parade. Auf den Fotos waren meist Dutzende oder gar Hunderte Menschen zu sehen. Maske trug keiner.

Nordkorea kann zwar die Veröffentlichung der Todeszahlen kontrollieren, aber nicht die Auswirkungen auf die Wirtschaft, die durch pandemiebedingte Grenzschliessungen und andere Beschränkungen der vergangenen zwei Jahre ohnehin angeschlagen ist. Unter anderem die landwirtschaftliche Produktion des Landes könnte durch Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und strengere Quarantäneregeln nun in Mitleidenschaft gezogen werden.

Den Nordkoreanern bereite auch Sorge, dass Medikamente, Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs in Folge von Grenzschliessungen fehlten, sagt Yang Moo-jin, Professor an der Universität für Nordkorea-Studien in Seoul. «Sie erleben einen weiteren ‹beschwerlichen Weg› », sagte Yang mit Blick auf einen Euphemismus, mit dem Nordkorea eine verheerende Hungersnot bezeichnet, bei der in den 1990ern Hunderttausende starben.

Nordkorea sei «uneinnehmbar»

Nachdem Pyongyang den Virus-Ausbruch bestätigte, boten Südkorea und China an, Vakzine, Medikamente und andere Medizinprodukte zur Verfügung zu stellen. Und auch die USA sagten ihre Unterstützung für internationale Hilfen zu; eigene Impfbestände mit Nordkorea zu teilen, schloss Washington derzeit aber aus. Ein Angebot des UNO-Beschaffungsprogramms Covax über Millionen Impfdosen hatte Kim in der Vergangenheit ausgeschlagen.

Ausländische Hilfe anzunehmen, würde Nordkoreas Führung in eine schwierige Lage bringen. Kim hatte in den vergangen zwei Jahren mehrfach verkündet, sein Land sei «uneinnehmbar» für die Pandemie. Am Samstag räumte er jedoch ein, dass sein Land vor «einem grossen Umbruch» stehe. Die Behörden sollten studieren, wie der engste Bündnispartner China und andere Nationen mit der Pandemie umgegangen seien.

Kim werde wahrscheinlich irgendwann chinesische Hilfe in Anspruch nehmen, jedoch nicht die von Südkorea, den USA oder Covax, sagt Professor Nam. Den «grossen Umbruch» mithilfe von amerikanischen Imperialisten – wie Nordkorea sie nennt – und mithilfe von Südkorea zu überwinden, werde nicht toleriert werden, weil dies gegen die Würde des obersten Führers sei, so Nam.

Hilfe aus China akzeptabel

Seo Yu-seok vom Institut für Nordkoreastudien in Seoul geht zudem davon aus, dass Nordkorea chinesische Hilfe nur akzeptiere, wenn diese informell und nicht öffentlich angeboten werde. Es sei «eine Frage des Nationalstolzes». China werde dem wahrscheinlich zustimmen, weil es Hilfslieferungen als einen Weg sieht, die Beziehungen zu einem Bündnispartner zu stärken.

Cho Han-bum, Analyst am in Seoul ansässigen Korea-Institut für Nationale Vereinigung, ist anderer Meinung. Nordkorea könne sich an Südkorea wenden, weil es die Wirksamkeit chinesischer Vakzine infrage stellt, sagte er. Zudem seien Lieferungen auf dem Landweg über die innerkoreanische Grenze schneller.

Welche Art von Hilfe Nordkorea nun am dringendsten braucht, ist umstritten. Einige Experten sagen, es sollten 60 bis 70 Millionen Impfdosen zur Verfügung gestellt werden, sodass die Bevölkerung mehrfach geimpft werden kann. Andere meinen, dafür sei es zu spät. Nordkorea benötige stattdessen fiebersenkende Mittel, Tests und Masken.

Da es bereits unrealistisch sei, eine Ausbreitung des Virus in der ungeimpften Bevölkerung des Landes zu verhindern, solle das Ziel sein, einen begrenzten Vorrat an Impfstoffen zur Verfügung zu stellen, um Hochrisikogruppen, einschliesslich älterer Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen, zu schützen, sagt Jung Jae-hun, Professor für Präventivmedizin an der Gachon-Universität.

«Die Bekämpfung von Covid-19 erfordert umfassende nationale Fähigkeiten, einschliesslich der Kapazitäten für Tests, Behandlung und Impfungen», sagt Jung. «Das Problem kann nicht gelöst werden, wenn die Aussenwelt nur bei einem oder zwei dieser Elemente hilft.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel.  058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.chRatgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

(DPA/chk)

Deine Meinung

22 Kommentare