Keine grossen Feste: Corona-Diskussion um Weihnachten spaltet Familien
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Keine grossen FesteCorona-Diskussion um Weihnachten spaltet Familien

Viele Familien feiern Weihnachten traditionell mit der Grossfamilie. Dass das dieses Jahr nicht erlaubt ist, sorgt
für Ärger und teils sogar Familienstreitigkeiten.

von
Daniel Graf
Leo Hurni
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Darum gehts:

  • Köchin Meta Hiltebrand löst eine Debatte aus: Sie will Weihnachten ohne Massnahmen des Bundes feiern.

  • Wie die Vorschriften Weihnachten genau beeinflussen werden, ist derzeit noch unklar.

  • In vielen Familien wird aber bereits darüber diskutiert.

  • Kantonsarzt Thomas Steffen gibt deshalb 8 Tipps, wie Weihnachten mit der Familie möglichst gefahrlos gelingt.

Die Köchin Meta Hiltebrand hat mit ihrem emotionalen Facebook-Video eine Debatte ausgelöst. Ihre Botschaft an Gesundheitsminister Alain Berset: «Sie gehen zu weit, ich lasse mir Weihnachten mit der Familie wegen Corona nicht nehmen.» Innerhalb von weniger als 24 Stunden wurde das Video fast 2000-mal geteilt, einige kamen dem Aufruf der Köchin nach und richteten sich in eigenen Videos ebenfalls an Berset.


Noch ist unklar, wie die Corona-Vorschriften des Bundes an Weihnachten genau aussehen werden. Wie sehr das Thema schon jetzt bewegt und die Gesellschaft in zwei Lager spaltet, zeigen aber die Rückmeldungen der 20-Minuten-Leser. So sagt Andreas Walder, bei ihnen würden die drei Familien wie gehabt zusammen feiern. «Wir sind etwa 16 Personen, doch in der Familie sind wir uns einig, dass das richtig so ist. Denn falls noch eine Corona-Welle kommt, kommt sie so oder so.»

«Ob das erlaubt ist, ist mir egal»

Auch der 23-jährige Silas Bertschi lässt sich an Weihnachten keine Vorschriften machen: «Wir werden Weihnachten mit der Familie aus drei unterschiedlichen Haushalten feiern.» Ob das nun legal sei, ist Bertschi völlig egal: «Ich halte mich schon im Alltag an alle Vorschriften und verzichte darauf, in den Ausgang oder in Bars zu gehen. Aber Weihnachten ist etwas Intimes und Familiäres, da lassen wir uns nicht reinreden.»
Anders sieht das etwa Leser Roland Eberhard: «Wir verzichten vollumfänglich auf unser traditionelles Weihnachtsfest mit den Geschwistern, Kindern und Grosskindern bei uns zu Hause.» Diesen Entscheid hätten alle verstanden und respektiert. «So wird es ein ruhiges und besinnliches Fest, und wir hoffen, dass wir nächstes Jahr wieder zusammen feiern können.»


Gar für einen Familienzwist sorgte Weihnachten mit Corona bei V.H.* «Es gab dieses Jahr ziemlich heftige Diskussionen, wie wir Weihnachten feiern wollen. Ein Teil der Familie hat sich jetzt entschieden, gar nicht zum Fest zu kommen, weil sie rigorose Schutzmassnahmen durchsetzen wollten.» Der Rest der Familie, etwa elf Personen aus verschiedenen Haushalten, werde nun trotzdem gemeinsam feiern.

Kantonsarzt fürchtet Anstieg der Zahlen

Melitta Steiner vom Zuger Fachzentrum Punkto für Eltern, Kinder und Jugendliche erklärt: «Weihnachten ist für viele Familien per se eine Herausforderung, weil oft der Anspruch besteht, dass alles perfekt wird und es ein friedliches Beisammensein gibt.» Wenn dann noch der Bundesrat Beschränkungen einführe, bereite das vielen Familien Sorgen. Für Steiner ist es darum zwingend, dass Kontakte an Weihnachten nicht auf zwei Haushalte eingeschränkt werden: «Das tangiert die Familie, etwas vom Privatesten überhaupt. Und es stellen sich schwierige Fragen: Laden wir jetzt die Grossmutter ein oder die alleinstehende Tante?» Auch Gesundheitspsychologe Carlo Fabian sagt: «An Weihnachten ist das Beisammensein mit der Familie für viele zentral. Das wird uns jetzt ein Stück weit genommen.» (Siehe Interview unten.)


Thomas Steffen, Kantonsarzt von Basel-Stadt und Vorstandsmitglied der Vereinigung der Kantonsärzte, zeigt sich besorgt über das Verhalten der Menschen an Weihnachten. Er fürchtet einen Wiederanstieg der Fallzahlen in den Wochen danach: «Heikel ist vor allem, wenn sich viele Menschen aus unterschiedlichen Haushalten in engen Räumen ohne Schutzmassnahmen aufhalten.» Dann könnten sich schnell viele Personen anstecken, die dann wiederum weitere Personen in ihrem Umfeld ansteckten und das Virus somit multiplizierten. Steffen und sein Team geben Tipps, wie Weihnachten trotz den Einschränkungen gefahrlos gelingen kann (siehe Box).

3 Fragen an Carlo Fabian*

Carlo Fabian, Experte für Gesundheitspsychologie.

Carlo Fabian, Experte für Gesundheitspsychologie.

Weshalb spitzt sich die Diskussion über die Corona-Massnahmen gerade kurz vor Weihnachten so zu?

Weihnachten ist für einen Grossteil der Menschen ein wichtiger Anlass, ein Moment der Sehnsucht, Hoffnung und der Ruhe. Gerade die Zusammenkunft mit den Liebsten ist hier für viele Menschen zentral. Die Menschen mussten wegen Corona schon auf viele Kontakte mit der Familie und Freunden verzichten. Viele hatten die Hoffnung, dass nach diesem schwierigen Jahr wenigstens Weihnachten ein besinnliches Fest wird. Dass das nun ins Wasser fällt, setzt einigen Menschen zu.

Was macht das mit den Menschen?

Das ist sehr individuell, was sich auch in den Reaktionen zeigt. Personen, die den Massnahmen eh schon eher kritisch gegenüberstanden, sträuben sich teilweise umso mehr, sich auch noch das Weihnachtsfest nehmen zu lassen. Andere finden problemlos einen Umgang damit und arrangieren sich. Und dann gibt es dazwischen alle Varianten. Einige sagen sich wohl: «Ich habe mich immer an die Massnahmen gehalten, während andere das weniger getan haben. Wenigstens an Weihnachten darf ich jetzt doch auch einmal eine Ausnahme machen.» Aus epidemiologischer Sicht könnte das problematisch sein.

Verstehen Sie die Kritik, die an Gesundheitsminister Berset laut wird?

Es ist klar, dass die Gesellschaft Erwartungen an ihn hat. Der Spagat, den die Regierung zu meistern versucht, ist klar sichtbar: Man will den Menschen Weihnachten mit der Familie nicht gänzlich verbieten, muss aufgrund der Pandemie aber trotzdem Einschränkungen machen. Das funktioniert nur, wenn die Menschen die Massnahmen verstehen und nachvollziehen können. Diese Kommunikation ist unglaublich schwierig.

* Carlo Fabian leitet das Institut Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit und ist Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Gesundheitspsychologie SGGPsy.

So gelingt Weihnachten gefahrlos

Der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen und sein Team geben Tipps, wie Weihnachten mit der Familie möglichst gefahrlos gelingt.

• Treffen Sie nur wenige Personen. Es ist für unser Wohlbefinden aber zentral, dass wir weiterhin soziale Kontakte pflegen. Überlegen Sie sich bewusst, wen Sie persönlich sehen möchten.
• Versuchen Sie, zwei Wochen vor dem Fest möglichst wenige Personen zu treffen. So ist das Risiko kleiner, dass Sie beim Fest unwissentlich andere anstecken. Kaufen Sie Weihnachtsgeschenke frühzeitig.
• Sie können zwar auch Personen treffen, welche besonders gefährdet sind, wie beispielsweise Ihre Grosseltern. Holen Sie sich bei Bedarf den Rat von einem Arzt oder einer Ärztin. Der beste Schutz bietet die Kombination: Abstand halten, Maske tragen und die Hände regelmässig mit Seife waschen.
• Feiern Sie nach Möglichkeit in grossen Räumen, an einem grossen Tisch. Sitzen Sie an mehreren Tischen. Oder machen Sie einen weihnachtlichen Spaziergang, treffen Sie sich in der Natur, im Wald oder einem Park, nutzen Sie Take-Away-Angebote und essen Sie draussen, wenn das Wetter passt.
• Achten Sie beim Essen darauf, dass der Abstand eingehalten werden kann. Nutzen Sie zum Beispiel mehrere Caquelons oder Racletteöfeli und achten Sie darauf, dass nicht alle dasselbe anfassen. Dies passiert oft bei Schüsseln, Saucen, Flaschen und Gewürzen.
• Lassen Sie dieses Jahr Ihre Lieblings-Weihnachtslieder am besten auf CD oder Spotify laufen. Gemeinsames Singen und das Spielen von Blasinstrumenten können das Ansteckungsrisiko erhöhen.
• Lüften Sie regelmässig durch Stosslüften mit weit geöffneten Fenstern für einige Minuten.
• Lüften Sie nach dem Fest gut und reinigen Sie alles, das oft berührt wurde. Treffen Sie auch die Tage nach Weihnachten und auch an Silvester möglichst wenige Personen.

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