Gestresst und genervt: Corona-Frust macht Autofahrer rasend
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Gestresst und genervtCorona-Frust macht Autofahrer rasend

Während dem Lockdown drücken viele zu sehr aufs Gaspedal. «Verkehrssünder berichteten mir, dass Autofahren für sie während dem Lockdown die einzige Möglichkeit war, mal wieder Dampf abzulassen», sagt ein Verkehrspsychologe.

von
Nicolas Brütsch

Darum gehts

  • Während dem Corona-Lockdown verzeichneten verschiedene Polizeien mehr Verkehrsdelikte.

  • Bereits im ersten Lockdown im März 2020 registrierten die Schweizer Polizeikorps überdurchschnittlich viele Raser-Fälle.

  • Laut Verkehrspsychologen entlade sich der angestaute Corona-Frust oft auf den Strassen.

Ein junger Aargauer, der innerorts mit fast 50 km/h zu schnell unterwegs ist und seinen Unmut ob der Busse von über 5’000 Franken auf Tiktok kundtut (siehe Screenshots). Oder eine Gruppe Jugendlicher, die mit mehr als 230 km/h und einer halbleeren Flasche Jägermeister im Auto über eine Schweizer Autobahn brettert - und die Raser-Fahrt auch noch per Handy-Video festhält. Meldungen von gemeingefährlichen Fahrmanövern häufen sich in diesen Tagen.

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Auf der Social-Media-Plattform beklagt sich ein junger Aargauer über eine Busse wegen Schnellfahrens.

Auf der Social-Media-Plattform beklagt sich ein junger Aargauer über eine Busse wegen Schnellfahrens.

Screenshot Tiktok
Um 47 km/h überschritt er die Tempolimite.

Um 47 km/h überschritt er die Tempolimite.

Screenshot Tiktok
Rund 5000 Franken kostet der Tempoexzess.

Rund 5000 Franken kostet der Tempoexzess.

Screenshot Tiktok

Schon während dem ersten Lockdown im März 2020 registrierten die Schweizer Polizeikorps überdurchschnittlich viele Raser-Fälle. Grund damals waren die leeren Strassen, die zum Schnellfahren animierten. Jetzt, während dem zweiten Lockdown, ist es laut Verkehrspsychologen vor allem der miserable Gemütszustand vieler Leute, der zu waghalsigen Fahrmanövern verleitet.

Verkehrs-Experten schlagen Alarm

Angst vor dem Job-Verlust, Geldsorgen oder soziale Isolation - der angestaute Corona-Frust entlädt sich oft auf den Strassen, berichten Verkehrspsychologen. Diese haben aktuell aussergewöhnlich viel zu tun. «Ich hatte einige Raser-Fälle in den letzten Monaten, wo mir als Grund dafür unter anderem die Corona-Pandemie und deren Folgen genannt wurde», sagt beispielsweise Michael Vögtli zu 20 Minuten.

Wer gestresst und unausgeglichen sei, lasse sich auf der Strasse viel schneller provozieren, so der Verkehrspsychologe. «Verkehrssünder berichteten mir, dass Autofahren für sie während dem Lockdown die einzige Möglichkeit war, mal wieder Dampf abzulassen», so Vögtli. Manchmal reiche es nur schon, im Stau stecken zu bleiben, um das Fass der Emotionen zum Überlaufen zu bringen.

Auch sein Berufskollege Patrick Müller warnt: «Wer während der Autofahrt dauernd an seinen Sorgen und Problemen rumstudiert, neigt dazu, in gefährlichen Situationen nicht aufmerksam zu sein und deshalb nicht schnell genug reagieren zu können.»

Verkehrs-Bussen stiegen während Lockdown

Dass ein Lockdown Raserfahrten befeuern kann, zeigt auch das Beispiel vom Kanton Basel-Stadt. Im letzten März, als die Schweiz in ihren ersten Lockdown ging, wurden rund 3’000 Geschwindigkeits-Bussen mehr verteilt als in einem durchschnittlichen Monat. Kaum gingen die Läden und Restaurants wieder auf, wurde auch wieder weniger gerast. Dies zeigt eine Auswertung des basel-städtischen Bussenkatalogs.

Dasselbe Bild zeigt sich auch im Kanton Bern: Zwar werden die Verkehrsbussen während der Pandemie nicht nach Delikt aufgeschlüsselt. Christoph Gnägi, Mediensprecher bei der Kantonspolizei Bern, sagt aber: «Während dem ersten Lockdown im März wurde das Tempolimit von den gebüssten Autofahrern viel deutlicher überschritten als in anderen Monaten.» Auch das deutet darauf hin, dass viele ihrem Corona-Ärger auf der Strasse Luft machen.

Während Pandemie und Lockdown also auf die Stimmung drücken, tun viele Gleiches mit dem Gaspedal. Verkehrspsychologen sind sich deshalb einig: Während dem Corona-Frust das Auto, wenn möglich, lieber zuhause lassen.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

Deine Meinung

482 Kommentare
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Aufruf an die Balkanstömmischen

22.02.2021, 22:04

Bitte verwechselt unsere Strassen nicht mit euren.

HugoM.

22.02.2021, 13:59

da fallen sie wieder wie die fliegen... andere hingegen erfinden sich neu oder machen das beste aus der jetzigen situation. corona muss einmal mehr für alle gesellschaftlichen probleme herhalten.

Anarchie in den Strassen

22.02.2021, 13:18

Man hört sie jeden Tag die Frechen die andere absichtlich mit ihren veränderten Auspuffanlagen stören. Am Tag und in der Nach und am Wochenende sowieso. Da fragt man sich die ganze Zeit wo die Polizei und der Gesetzgeber bleiben? Scheint als wäre da der Wilde Westen ausgebrochen und jeder könne tun und lassen was er oder sie will.