Schlägereien nehmen zu : Corona-Frust sorgt bei Jugendlichen für Gewalt-Ausbrüche
Publiziert

Schlägereien nehmen zu Corona-Frust sorgt bei Jugendlichen für Gewalt-Ausbrüche

Trotz 5-Personen-Regel treffen sich Jugendliche wieder in grossen Gruppen auf der Strasse, es kommt zu Auseinandersetzungen. Experten zeigen teils Verständnis.

von
Pascal Michel
Daniel Graf
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Am Samstag kam es beim Bellevue in der Nähe des Bahnhofs Stadelhofen zu einem Aufeinandertreffen vieler Jugendlicher. Die Polizei musste eingreifen.

Am Samstag kam es beim Bellevue in der Nähe des Bahnhofs Stadelhofen zu einem Aufeinandertreffen vieler Jugendlicher. Die Polizei musste eingreifen.

Screenshot TikTok-Video
Auseinandersetzungen und Unruhen in der Nähe des Zürcher Sechseläutenplatzes sind nichts Neues.

Auseinandersetzungen und Unruhen in der Nähe des Zürcher Sechseläutenplatzes sind nichts Neues.

20min/Sonja Mulitze
Die SVP fordert deshalb nun eine Wiedereinführung der Videoüberwachung.

Die SVP fordert deshalb nun eine Wiedereinführung der Videoüberwachung.

20min/Sonja Mulitze

Darum gehts

  • Trotz 5-Personen-Regel treffen sich vermehrt grosse Gruppen von Jugendlichen im öffentlichen Raum. Es kommt zu Auseinandersetzungen.

  • Mehrere Kantonspolizeien bestätigen eine Zunahme solcher Vorfälle.

  • Auch an den Schulen machen sich die Corona-Massnahmen bemerkbar.

  • Experten erklären, weshalb insbesondere Jugendliche unter den andauernden Einschränkungen leiden und weshalb das zu Gewalt führen kann.

Die Corona-Massnahmen setzen gerade jungen Menschen stark zu. Jüngst entlud sich der Corona-Frust am Stadelhofen, wo sich in der Nacht auf Sonntag rund 200 Menschen versammelten, es kam zu Krawallen. In Winterthur ereigneten sich im Dezember ähnliche Szenen. Und in Genf meldete die Polizei an den Wochenenden vermehrt gewalttätige Aktionen von 15- bis 18-Jährigen.

Dass der Drang nach Ausgang bei der Jugend trotz Lockdown gross ist, spürt die Kantonspolizei Bern: Es lasse sich im Vergleich zu Vorjahren vermehrt feststellen, «dass sich – wohl auch aufgrund der geschlossenen Betriebe – Jugendliche im öffentlichen Raum treffen.» Auch zu Meldungen hinsichtlich Lärm, grösseren Personenansammlungen und Streitereien sei es gekommen. Die Kapo Zürich hat «sporadisch» kleinere illegale Partys und Ansammlungen ausgehoben.

«Grenzen auszuloten gehört bei Jungen dazu»

Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention der ZHAW, erstaunt das nicht: «Verschiedene Studien haben gezeigt, dass junge Menschen die derzeitigen Einschränkungen am heftigsten erleben.» Als Jugendlicher gehöre es ein Stück weit dazu, Grenzen auszuloten, Vorgaben infrage zu stellen und unterwegs zu sein. «All das ist jetzt reduziert, Clubs und Bars sind zu, frei feiern nicht möglich.»

Die Jugendlichen verarbeiten das laut Baier unterschiedlich: «Mädchen und junge Frauen verarbeiten das eher innerlich und laufen häufiger Gefahr, in eine depressive Spirale abzurutschen. Junge Männer gehen raus und treffen sich in Gruppen.» Dann brauche es nur noch ein wenig Alkohol und schon könne die Stimmung hochkochen.

Unsichere Zukunft schürt Ängste

Weitere Faktoren sind laut Baier sozial schwierige Verhältnisse: «Speziell gefährdet sind junge Männer, die im Leben wenig Halt haben.» Fehlender familiärer Rückhalt und ein Mangel an sinnvollen Alternativen in der Freizeit schürten das Gewaltpotenzial. Auch die Dauer der Einschränkungen spiele eine Rolle: «Während eines Jahres erleben Jugendliche normalerweise extrem viel und machen riesige Entwicklungsschritte. Dass sie schon so lange stark eingeschränkt sind, wirkt wie ein Kessel, in dem sich Dampf anstaut.»

Erschwerend hinzu komme die unsichere Zukunft: «Noch vor einem Jahr boten sich etwa in der Hotellerie auch Jugendlichen mit weniger guten Leistungen in der Schule viele Schnupperlehren. Das fällt jetzt fast komplett weg», sagt Baier. «Braucht mich die Gesellschaft überhaupt noch? Wo stehe ich in zwei Jahren?» Solche Fragen schüren laut dem Experten zusätzliche Unsicherheiten.

Viel mehr Termine bei Schulpsychologen

Auch an den Schulen ist der Corona-Frust zu spüren, wie Marijana Minger, Co-Präsidentin Vereinigte Schulpsychologinnen und Schulpsychologen des Kantons Zürich, sagt. «Die Situation bei Schülern und Eltern ist angespannt.» Kinder und vor allem Jugendliche, die sich an den «Peers» orientierten, müssten ihre sozialen Kontakte einschränken und vermehrt zuhause bleiben, was der Entwicklungsphase widerspreche. Die Zahl der Beratungen ist deshalb im Kanton Zürich in die Höhe geschnellt.

«Viele Kinder und Jugendliche, die wir beraten, sagen: So macht das Leben keinen Spass. Ich habe keine Freude und Motivation mehr», sagt Minger. Gerade in den Familien komme es vermehrt zu Reibereien. Die Psychologin nennt weiter Schulabsentismus, negative Stimmungen bis hin zu Depressionen.

«Eine Art Kriegszustand»

Von Schlägereien wie am Bellevue kann Minger für die Schulen nicht berichten. Sie stelle aber generell fest, dass Corona als «negativer Katalysator» wirke: Schülerinnen und Schüler, die schon in prekären Verhältnissen lebten, seien besonders gefährdet, in alte Muster abzurutschen. «Kommt Gewalt in der Familie vor, kann sie sich in der aktuellen Situation noch verschärfen.»

Minger kritisiert, dass die Situation der Kinder und Jugendlichen bei der Diskussion um Massnahmen zu wenig beachtet wird. «Wir befinden uns in einer Art Kriegszustand. Auch Kinder, die zwar meist nicht körperlich vom Virus betroffen sind, sind einem enormen psychischen Stress ausgesetzt.» Eine Verschärfung oder die noch wochenlange Weiterführung der Massnahmen hätte laut Minger weitere einschneidende psychische Folgen.

Neben mehr Ressourcen für psychologische Betreuung fordert sie: «Die Schulen als meist letzter Ort für soziale Kontakte mit Gleichaltrigen sollten unbedingt offen bleiben.» Zudem rät sie Betroffenen, sich in jedem Fall sofort Hilfe zu holen: «Auch wenn wir zu essen und ein Dach über dem Kopf haben, dürfen wir auch sagen, dass es uns in der aktuellen Situation schlecht geht.»

Bist du oder jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Fachstelle Frauenberatung

Onlineberatung für Frauen (BIF)

Onlineberatung für Männer

Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Pro Juventute, Tel. 147

Deine Meinung

488 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Lou5763

11.02.2021, 16:52

Die Wohlstandsgeneration, die nie auf etwas verzichten musste, die sich nie einschränken musst, die immer alles subito bekommen hat und immer alles machen durfte, genau die ist jetzt frustriert und gewalttätig, weil sie sich mal einschränken muss. Kinderchen - es wird noch ganz Anders kommen, und dann habt ihr einen Grund frustriert zu sein.

lofaudlaud

11.02.2021, 10:41

Genau, und das ist durch Corona verursacht.

RedRidingCat1

10.02.2021, 08:46

Nicht nur bei Jugendlichen. Die Stimmung in Grossbetrieben ist mittlerweile sehr aggressiv