Corona hat alles verändert – Fachkräftemangel auf Rekordstand

Aktualisiert

Rekrutieren im AuslandCorona hat alles verändert – Fachkräftemangel auf Rekordstand

Corona sei für den Schweizer Arbeitsmarkt eine Achterbahnfahrt, sagt Marcel Keller von Adecco. Das Gesundheitswesen leidet besonders stark unter den Folgen der Pandemie.

von
Marcel Urech
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Nirgends in der Schweiz ist der Fachkräftemangel so gross wie im Gesundheitswesen. Das habe auch mit Corona zu tun, sagt Adecco. Im Bild siehst du die SVP-Politikerin Nathalie Rickli im Kantonsspital Winterthur.

Nirgends in der Schweiz ist der Fachkräftemangel so gross wie im Gesundheitswesen. Das habe auch mit Corona zu tun, sagt Adecco. Im Bild siehst du die SVP-Politikerin Nathalie Rickli im Kantonsspital Winterthur.

Tamedia
In der Branche gibt es so viele offene Stellen, dass Schweizer Spitäler ihr Personal nun zum Teil in Ausbildungszentren in den Städten Warschau, Krakau und Breslau rekrutieren, oder auch in Italien.

In der Branche gibt es so viele offene Stellen, dass Schweizer Spitäler ihr Personal nun zum Teil in Ausbildungszentren in den Städten Warschau, Krakau und Breslau rekrutieren, oder auch in Italien.

20min/Marvin Ancian
Der Mangel an Arbeitskräften erhöhe den Druck auf das Personal im Gesundheitswesen, sagt Adecco. Dieses sei frustriert über die Arbeitsbedingungen und die harzige Umsetzung der Pflegeinitiative.

Der Mangel an Arbeitskräften erhöhe den Druck auf das Personal im Gesundheitswesen, sagt Adecco. Dieses sei frustriert über die Arbeitsbedingungen und die harzige Umsetzung der Pflegeinitiative.

20min/Matthias Spicher

Darum gehts

  • Der Mangel an Fachkräften ist in der Schweiz so hoch wie noch nie.

  • Die grösste Lücke gibt es laut einer Studie von Adecco im Gesundheitswesen.

  • Viele Spitäler rekrutieren ihr Fachpersonal darum nun im Ausland – aber nicht alle.

Der Fachkräftemangel hat in der Schweiz einen neuen Höhepunkt erreicht: Noch nie war es für Firmen so schwierig, Stellen in der Gesundheits-, IT- und Ingenieurs-Branche zu besetzen. Das steht im Fachkräftemangel-Index des Personalvermittlers Adecco und im Stellenmarkt-Monitor Schweiz der Uni Zürich.

Adecco-Schweiz-Chef Marcel Keller geht davon aus, dass die Pensionierung der Babyboomer und das Zurückholen der Produktion zu einem noch höheren Bedarf an Fachkräften führt. Die Arbeitnehmenden sind so wieder am Drücker: Sie könnten zunehmend ihre Arbeitgebenden auswählen – und nicht umgekehrt.

Corona rüttelt Arbeitsmarkt durch

Letztes Jahr lag der Bedarf nach Fachkräften noch auf einem Tiefststand, was laut Adecco vor allem an der Pandemie lag. Sie habe die Arbeitslosigkeit befeuert und zu weniger offenen Stellen geführt. Erst mit dem Zugang zur Impfung und der Abschaffung der Corona-Massnahmen habe der Konsum wieder angezogen.

Hat die Corona-Pandemie auch bei dir beruflich vieles verändert?

Nun hat der Wind gedreht: Es gibt so viele Stellenausschreibungen wie noch nie, und die Arbeitslosenzahlen sinken. In der Deutschschweiz nahm der Bedarf nach Fachkräften in einem Jahr um 77 Prozent zu. «Die Corona-Pandemie war für den Schweizer Arbeitsmarkt eine Achterbahnfahrt», sagt Keller.

Das Gesundheitspersonal ist frustriert

Den grössten Mangel gibt es in Gesundheitsberufen, etwa bei Fachärzten und Fachärztinnen, Apothekern und Apothekerinnen und Pflegefachkräften. Die Schweiz bilde zu wenig Gesundheitspersonal aus, sagt Corinne Scheiber, Leiterin von Adecco Medical, und rekrutiere dieses oft im Ausland (siehe Box) – etwa in Polen und Italien. Das Berner Inselspital, die Solothurner Spitäler und das Kantonsspital Graubünden tun das nicht.

Darum rekrutiert das Inselspital nicht im Ausland

Das Inselspital Bern sagt auf Anfrage, dass es viele Bewerbungen aus dem Ausland gebe, die man auch berücksichtige. Man suche sein Personal aber nicht aktiv im Ausland. Denn der Aufwand dafür sei hoch, Erfolge nicht garantiert, und oft gebe es sprachliche Barrieren. Schweizer Spitäler bräuchten qualifiziertes Personal in Pflege und Betreuung, das eine in der Schweiz anerkannte Ausbildung vorweisen müsse.

Im Sommer startete das Inselspital eine Rekrutierungskampagne in der Schweiz. Man biete attraktive Arbeitsbedingungen, gehe individuell auf Mitarbeitende ein und ermögliche auch flexible und niedrigprozentige Arbeitsmodelle. Wichtig für die Mitarbeitendenzufriedenheit seien eine optimale Gestaltung der Arbeitsumgebung, Mitbestimmungsmöglichkeiten und Rücksicht auf unterschiedliche Lebensentwürfe.

So lag der Anteil des diplomierten Pflegefachpersonals mit einem ausländischen Diplom in Schweizer Spitälern und Pflegeheimen im Jahr 2019 bei 30 Prozent, wie das Schweizerische Gesundheitsobservatorium sagt. Die FMH-Ärztestatistik kommt für Ärztinnen und Ärzte auf ähnliche Zahlen.

Die Arbeitslast und der Druck auf das Personal stiegen, sagt Yanik Kipfer vom Stellenmarkt-Monitor Schweiz. Es sei frustriert über die Arbeitsbedingungen und die harzige Umsetzung der Pflegeinitiative, sagt Scheiber. Viele entschieden sich darum für Temporärstellen, die mit besseren Vergütungen und mehr Flexibilität locken.

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